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Bayer: Glyphosat-Schaden falsch berechnet?

| Quelle: finanztreff | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Bewegung im Glyphosat-Streit: Der Bayer-Konzern kann in einem verlorenen Prozess um Krebsrisiken des umstrittenen Unkrautvernichters auf eine geringere Schadenersatzforderung hoffen. Der zuständige Richter Vince Chhabria sagte in einer Anhörung in San Francisco, dass ein Teil der Summe von insgesamt 80,3 Millionen US-Dollar (71,2 Mio. Euro) eventuell falsch berechnet worden sei. Eine Wende im Streit um Gesundheitsrisiken des Wirkstoff des 2018 von Bayer übernommenen US-Saatgutkonzerns Monsanto bedeutet dies aber nicht.

Den Anlegern gefiel es trotzdem: Der Kurs der Bayer-Aktie +3,08% stieg am Mittwoch zeitweise um fast zwei Prozent auf 62,18 Euro. Damit näherte sich der Dax-Wert wieder seiner 200-Tage-Linie an, die bei 64,61 Euro veläuft (siehe Chart unten).

Der Richter Chhabria wies lediglich darauf hin, dass der sogenannte Strafschadenersatz im Vergleich um regulären Schadenersatz zu hoch bemessen worden sei - wenn man von der bisherigen Rechtsprechung des obersten US-Gerichts ausgeht. Für den Strafschadenersatz gibt es im deutschen Recht keine Entsprechung. Er kann Klägern in den USA in Zivilprozessen über den tatsächlichen Schaden hinaus anerkannt werden, auch um den Beschuldigten für sein Verhalten zu bestrafen.

Richtungsweisender Fall im Massenverfahren

Der am Bundesbezirksgericht in San Francisco unter Vorsitz von Chhabria verhandelte Fall gilt als richtungweisend, da es sich um einen "Bellwether Case" handelte. Damit ist im US-Recht eine Art Musterfall in einem Massenverfahren gemeint.

Von den insgesamt rund 80 Millionen Dollar, die die Geschworenen dem Kläger Hardeman zugesprochen hatte, entfielen 75 Millionen auf den Strafschadenersatz. Dies wären laut Chhabria im Vergleich zum eigentlichen Schadenersatz von rund 5 Millionen Dollar wohl zu viel. Die Gesamtsumme könnte daher auf 50 Millionen Dollar oder weniger sinken.

Wenngleich Bayer weiterhin die Sicherheit von Glyphosat bei richtiger Anwendung betont und auch gegen das Hardeman-Urteil in Berufung geht, könnte eine Reduzierung des im Raum stehenden Schadenersatzes eine Signalwirkung haben. Denn: In der Regel sollen mehrere "Bellwether Cases" wie der Hardeman-Fall den Streitparteien helfen, das Ausmaß von Schäden und die Höhe denkbarer Vergleichszahlungen besser abschätzen zu können. Bei Richter Chhabria sind mehrere Hundert Klagen von Landwirten, Gärtnern und Verbrauchern gebündelt.

Vergleich statt Urteil

Im April hatte der Richter allerdings einen weiteren Musterfall auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Bayer und Kläger sollen nach einer gütlichen Einigung suchen. Mittlerweile wurde der US-Staranwalt und -Schlichter Ken Feinberg zum Mediator bestellt. Der Experte ist äußerst anerkannt und war schon im Zusammenhang mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko sowie beim Abgasskandal von Volkswagen +1,05% aktiv. In diesen Fällen betreute er Entschädigungsfonds.

Grundsätzlich sieht sich Bayer weiterhin im Recht und hofft nach insgesamt schon drei Gerichtsschlappen auf günstigere Urteile in Berufungsverhandlungen. Der Druck, sich mit den Klägern zu vergleichen, wächst aber. So ging die jüngste Niederlage - allerdings nicht unter Richter Chhabria - mit einer Schadenersatzforderung der Geschworenen von rund zwei Milliarden US-Dollar einher. Und in den USA sind mehr als 13.400 Klagen anhängig.

Bayer-Chef Werner Baumann scheint daher eine Einigung zumindest auszuloten. Parallel zu den andauernden Gerichtsprozessen in weiteren Fällen will der Dax-Konzern +1,32% sich konstruktiv in die Mediation einbringen, hatte es unlängst geheißen.

Sechs-Monate-Chart Bayer (in Euro)

Gleichzeitig gründete Bayer einen Aufsichtsratsausschuss, der die Causa Glyphosat vorantreiben soll, etwa durch Beratung des Vorstands und Vorschläge zur Prozessstrategie. Auch wurde der US-Anwalt John Beisner, ein Experte für Produkthaftungsklagen, engagiert, um den Aufsichtsrat zum Rechtskomplex Glyphosat zu beraten.

Die Maßnahmen dürften auch eine Folge des Drucks der Investoren sein, nachdem der Aktienkurs infolge der ersten Glyphosat-Niederlage vergangenen August um bis zu rund 44 Prozent auf etwa 52 Euro im Juni eingebrochen war. Aktuell kosten die Bayer-Papiere wieder mehr als 61 Euro.

Hedgefonds-Beteiligung pusht Bayer-Kurs

Wesentlicher Treiber des Erholungsversuches ist die Bekanntmachung einer Milliardenbeteiligung des für sein aggressives Gebaren bekannten Hedgefonds-Investors Elliott, nachdem bereits monatelang darüber spekuliert worden war. Dabei gab sich Elliott - der zum Imperium des US-Milliardärs Paul Singer gehört - allerdings vordergründig noch zahm und lobte die jüngsten Schritte, mit denen Bayer die Klagewelle gegen Glyphosat in den USA bewältigen will. Wie lange Singer ruhig bleiben wird, ist allerdings offen.

So forderte Elliott in seinem Statement langfristig mehr Rendite und deutet auch an, wie diese zu bekommen sein könnte. "Elliott ist der Ansicht, dass der aktuell niedrige Aktienkurs von Bayer den signifikanten Wert der einzelnen Geschäftseinheiten beziehungsweise die bestehende Wertschaffungsmöglichkeit von mehr als 30 Milliarden Euro nicht widerspiegelt." Was verklausuliert klingt, lässt sich durchaus als Forderung nach einer Aufspaltung interpretieren.

Argumentativen Rückenwind erhält Elliott von Analysten. Im Grunde werde das Agrargeschäft vom Aktienkurs gar nicht mehr reflektiert, hatte Markus Mayer von der Baader Bank unlängst geschrieben. Viele Experten gehen mittlerweile davon aus, dass die Risiken durch drohende Schadenersatzzahlungen an klagende Krebspatienten schon lange über Gebühr in den Aktienkurs eingepreist sind.

Mit Material von dpa-AFX

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