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Bayer: Glyphosat-Strafe gesenkt – Aktie fällt am Nachmittag

| Quelle: finanztreff | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Das tut dem deutschen Chemie-Riesen nun doch weh: Der US-Gesundheitskonzern Johnson & Johnson -2,53% hatte Quartalszahlen vorgelegt. Dabei profitierte J&J von einem Verkauf seines Desinfektionsgeschäfts und konnte deshalb den Gewinn deutlich steigern. Aber...

Am stärksten wuchs erneut das Pharmageschäft. Dabei profitierte das Unternehmen von guten Zuwächsen bei seinem Schuppenflechte-Mittel Stelara oder dem Krebsmedikament Darzalex. Allerdings musste Johnson & Johnson beim Gerinnungshemmer Xarelto mit einem Minus von fast 20 Prozent deutliche Einbußen hinnehmen.

Johnson & Johnson vertreibt den Kassenschlager zusammen mit Bayer und hält die Rechte dafür in den USA. Und der Rückgang bei Xarelto belastet eben auch die Bayer-Aktie -2,60%. Der Tagesgewinn von zeitweise fast zwei Prozent schmolz ab.

Bis zum Mittag hatte Bayer noch von einer deutlich verringerten Strafzahlung in einem wichtigen Glyphosat-Prozess in den USA profitiert. Der zuständige Richter Vince Chhabria reduzierte die von einer Jury verhängte Summe von gut 80 Millionen Dollar am Montagabend auf 25,3 Millionen Dollar (22,5 Mio Euro). Chhabria begründete dies vor allem damit, dass das Verhältnis zwischen regulärem Schadenersatz und sogenanntem Strafschadenersatz in einem verfassungsrechtlich angemessenen Rahmen bleiben müsse.

Am Urteil, dass Bayer für die Krebserkrankung des Klägers Edwin Hardeman haften muss, ändert die Entscheidung indes nichts. Hardeman hatte den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup des von Bayer übernommenen US-Saatgut-Riesen Monsanto für sein Leiden verantwortlich gemacht. Die Geschworenen hatten ihm zunächst gut fünf Millionen Dollar Schadenersatz und 75 Millionen Dollar an Strafschadenersatz zugesprochen. Letzterer wird im US-Recht als Zusatzsanktion bei besonders schweren Entschädigungsfällen verhängt.

Der Hardeman-Fall wird als ein sogenannter Bellwether Case gesehen, was ihn richtungweisend macht. Ein solcher Fall ist am ehestem mit einer Art Musterfall in einem Massenverfahren zu vergleichen. Mehrere davon sollen eine gewisse Bandbreite von Klagen abdecken und können so den Streitparteien helfen, gedanklich Kategorien zu bilden und letztendlich das mögliche Ausmaß von Kompensationszahlungen abzuschätzen.

Richter räumte falsche Berechnung ein

Richter Chhabria hatte bereits zuvor angekündigt, dass der Strafschadenersatz zu hoch ausgefallen sei, da er den Schadenersatz verfassungsrechtlich bedingt nicht um mehr als das Neunfache übersteigen dürfe. Deshalb kürzte er ihn jetzt um 55 Millionen Dollar. Bayer begrüßte dies zwar in einem Statement als "Schritt in die richtige Richtung", blieb aber dabei, dass der Schuldspruch nicht der Beweislage entspreche. Der Konzern beabsichtige deshalb, bei einem Berufungsgericht Einspruch einzulegen.

Bayer hatte das ursprüngliche Urteil vom März bereits in erster Instanz angefochten und Anträge gestellt, das Verfahren in einem neuen Prozess aufzurollen oder die Strafzahlung zu senken. Der Dax -1,15%-Konzern ist in den USA mit über 13.400 Klagen wegen angeblicher Krebsgefahren von Monsanto-Produkten konfrontiert. Bayer weist diese Vorwürfe zwar vehement zurück, unterlag aber in den ersten drei US-Prozessen. Hardeman war der zweite Fall, der verhandelt wurde. Auch beim ersten wurde die Strafe später stark verringert.

Es wird dauern...

Im jüngsten Fall hatte eine US-Jury einem an Krebs erkrankten Rentner-Ehepaar im Mai insgesamt sogar umgerechnet fast 1,8 Milliarden Euro an Schadenersatz zugesprochen. Allerdings kündigte Bayer auch hier umgehend an, das Urteil anzufechten. Der Leverkusener Konzern hatte Monsanto im vergangenen Jahr für rund 63 Milliarden Dollar übernommen, was sich als sehr riskant entpuppte. Zwischenzeitlich fiel Bayers Börsenwert angesichts der hohen Rechtslasten sogar unter die Kaufsumme, zuletzt notierte er nur knapp darüber.

Bis es in den zahlreichen US-Verfahren um Glyphosat zu endgültigen rechtskräftigen Entscheidungen kommt, könnte noch viel Zeit vergehen. Meist werden solche Massenklagen in den USA aber ohnehin früher oder später mit einem großen Vergleich beigelegt. Richter Chhabria, bei dessen Gericht in San Francisco mehrere Hundert Klagen gebündelt sind, hat die Streitparteien bereits zu einer gütlichen Einigung gedrängt und eine Prozesspause verordnet. Zuletzt war der US-Staranwalt Ken Feinberg als Schlichter bestellt worden.

Bayer-Aktie im Aufwind

Viele der US-Klagen stützen sich auf eine Studie der WHO-Krebsforschungsagentur IARC, die Monsantos Unkrautvernichter 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für Menschen einstufte. Der Bayer-Konzern bestreitet dies energisch und argumentiert seinerseits mit zahlreichen Studien, die belegen sollen, dass die Produkte bei vorschriftsgemäßer Anwendung ungefährlich sind. Die US-Umweltbehörde EPA bestätigte im Gegensatz zu den jüngsten Gerichtsurteilen kürzlich ihre Einschätzung, dass Glyphosat nicht krebserregend sei.

Die Bayer-Aktie -2,60% zeigte sich nach den J&J-Zahlen noch mit einem Plus von gut einem Prozent bei 59,27 Euro, nachdem sie zuvor noch bis auf 60,13 Euro angezogen hatte. Die US-Investmentbank Goldman Sachs hatte die Einstufung für Bayer gestern mit "Buy" und einem Kursziel von 77 Euro bestätigt. Analyst Keyur Parekh rechnete vor den anstehenden Quartalszahlen mit einem guten Pharmageschäft. Das Pflanzenschutz-Segment dürfte indes unter dem Wetter gelitten haben.

Mit Material von dpa-AFX

Sechs-Monats-Chart Bayer (in Euro)
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