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Bis zum bitteren Ende?

| Quelle: FIN_BLOG | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Die Frage nach dem positiven TARGET-Saldo der Deutschen Bundesbank rückte unlängst wieder etwas stärker in den Fokus, da der Betrag von 1 Billion Euro bald erreicht ist. Kritiker meinen, dass es sich dabei um ein Ungleichgewicht und Risiko handelt, was eines Tages ein ungeheures Loch in die Bilanz der Deutschen Bundesbank und damit auch Deutschlands reißen könnte. Was bedeuten die TARGET-Salden und wie entwickelten sie sich?

Im Prinzip ist das TARGET-System ein innereuropäisches Zahlungsverkehrssystem, dass Ende 1998 in den EURO-Ländern eingeführt wurde. Es wickelt den Zahlungsverkehr zwischen den einzelnen Nationalbanken der Mitgliedsländer sowie der EZB als übergeordneter Instanz und Clearingstelle ab. Ende 2007 wurde das System dahingehend erweitert, dass auch kleinere Transkationen darüber abgewickelt werden (TARGET 2).

Bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 waren die Salden zwischen den Nationalbanken mehr oder weniger ausgeglichen. Mit der angespannten Liquiditätslage während der Finanzkrise refinanzierten sich insbesondere auch die Banken der europäischen Defizitstaaten direkt bei der EZB. Der Geldfluss am Interbankenmarkt erfolgte nur noch von Defizit- zu Überschussstaaten und entsprechend bauten sich die TARGET-Salden durch den Mittelfluss von Überschuss- zu Defizit-Zentralbanken auf und erreichten im Gefolge der Griechenlandkrise im Jahr 2012 ihren vorläufigen Höhepunkt. Deutschlands Saldo ist der türkise Graph, rot und grün ganz unten repräsentieren Spanien und Italien:

 

Entwicklung der Target-Salden bis März 2018; Quelle: EZB

Die Refinanzierung über das TARGET2-System gleicht dabei quasi einem unbegrenzten Dispositionskredit, mit dem Unterschied, dass die Kredite unverzinst (Hauptrefinanzierungssatz derzeit bei 0%) sind. Sicherheiten bestehen natürlich auch nicht.

Im Zuge der europäischen „Rettungspolitik“ wurden die TARGET-Salden wieder etwas abgebaut, da die EZB unbegrenzt Anleihen der Krisenländer kaufte, so dass diese auch anderweitig wieder Kredite bekamen. Allerdings kann man das auch lediglich als eine „Umschichtung“ der Risiken betrachten, da ja die EZB damit reichlich risikobehaftete Schuldentitel aufkaufte; ein Risiko in der EZB-Bilanz, was letztendlich auch wieder die einzelnen Nationalbanken/Länder gemäß ihrem Anteil an der EZB tragen.

Wie aus der Grafik ersichtlich, war dieser Abbau der TARGET-Ungleichgewichte trotzdem nur von vorübergehender Natur. Insbesondere mit dem Anleihekaufprogramm der EZB ab 2015 weiteten sich die Divergenzen wieder aus. Der Saldo der Bundesbank steht heute kurz vor dem Rekordstand von 1 Billion Euro.

 

TARGET2-Salden Stand Mai 2018, Quelle: statista

Einer der wenigen, aber gleichzeitig umso bekannteren Kritiker des TARGET-Systems ist Professor Hans-Werner Sinn, der schon vor vielen Jahren erstmals auf die Ungleichgewichte aufmerksam machte. Daraufhin entbrannte eine immer mal wieder aufkommende Debatte. Kritiker und Beschwichtiger der TARGET-Ungleichgewichte brachten eine Anzahl von Argumenten hervor, die am Ende jedoch nur auf eine Frage hinauslaufen, nämlich, ob das Eurosystem insgesamt langfristig stabil bleibt oder der Zusammenbruch, mindestens aber der Austritt von großen Schuldnerländern droht. Bleibt das Euro-Währungssystem stabil und kommt es zu keinen Austritten, bleiben die TARGET-Ungleichgewichte ohne direkte unmittelbare Konsequenzen wie ein ewig bestehender, nie fällig werdender Kredit. Man argumentiert, dass, wenn die EZB die Anleihekaufprogramme irgendwann einmal wieder herunterfahre und sich die südlichen Länder wieder produktiver, wachstumsstärker entwickelten, würden sich auch die TARGET-Salden wieder normalisieren. Droht jedoch ein Zusammenbruch des Eurosystems bzw. zumindest im Falle von Euroaustritten, würden auch die TARGET-Salden fällig – und könnten natürlich von den großen Schuldnerländern bzw. -notenbanken nicht bedient werden.

So ein Ende des Eurosystems, insbesondere aber der Austritt eines großen Schuldnerlandes, ist dabei nicht nur seit dem Brexitvotum kein völlig abwegiger, unaussprechlicher Gedanke mehr, auch wenn die meisten Protagonisten des Eurosystems solch ein Szenario unter allen Umständen verhindert haben und verhindern wollen. Mario Draghi sagte z.B. 2012 auf dem Höhepunkt der Eurokrise: “Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro…”. Die Formulierung „whatever it takes“ erlangte dabei eine gewisse Berühmtheit. Ein möglicher Austritt des derzeit größten Schuldners im TARGET-System, Italien, war mit den letzten Wahlen in Italien 2018 allerdings in fast schon greifbare Nähe gerückt. Bei einem Austritt Italiens wären dann die Schulden aus dem TARGET-System, immerhin 465 Mrd. Euro, fällig geworden. Nicht nur, dass Italien bzw. die italienische Notenbank dieses Geld weder besitzen noch auftreiben hätte können, der neue Europaminister Paolo Savona sprach bereits davon, dass Italien im Falle eines Austritts seine TARGET-Schulden nicht begleichen werde. Die Konsequenz wäre ein Ausfall und die mögliche Abschreibung der milliardenschweren Summen zu Lasten der Gläubigerstaaten, allen voran natürlich Deutschland als mit Abstand größtem Gläubiger – und damit letztdendlich wieder einmal zu Lasten des deutschen Steuerzahlers.


Freundliche Grüße

Ihr finanztreff.de Team

 

Bildquelle Mario Draghi: https://pixabay.com/de/euro-ezb-europ%C3%A4ische-bank-europa-1431347/                     

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