DAX ®13.576,68+1,41%TecDAX ®3.225,97+1,75%S&P FUTURE3.293,50-1,01%Nasdaq 100 Future9.183,00-0,71%
finanztreff.de

Der Clou

| Quelle: Hans A. Berneck... | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Die Frage, ob es eine Rezession gibt oder das Gegenteil, ist inzwischen entschieden. Mindestens 6 Monate lang haben die Chefvolkswirte und sonstigen Konjunkturgurus die Rezession als sicher wie auch nachhaltig beschrieben. Ob sie die Ausgangsdaten dafür richtig interpretiert oder überhaupt wirklich gelesen haben, darf man bezweifeln. Als letzte Gruppe haben auch die Finanzexperten hinter den ZEW-Indikatoren die Wende bestätigt. Damit ist zunächst das Bild kurz vor Weihnachten rund:

 

Zu jeder Hochkonjunktur gehört eine Beruhigungsphase, wenn die Kapazitäten einer Wirtschaft erreicht sind. Das gilt für den Arbeitsmarkt, die Industriekapazitäten (gemessen am Auslastungsgrad) und auch für viele Bereiche der Investitionen, insbesondere dem Bau, wo inzwischen die Arbeitskräfte fehlen. Kurzum: Daraus folgt immer eine Konsolidierung mit leichten Negativzahlen, bevor eine neue Grundlage geschaffen werden kann. Darin besteht der Clou für jede weitergehende Prognose:

 

Die Autoindustrie ist das Dauerthema in Deutschland. Dazu ist alles gesagt worden. Noch unklar ist lediglich, ab wann und in welcher Form die Deutschen auf E-Mobility abfahren werden. An der Prämie von rd. 6.000 € hängt es nicht. Ähnlich wie in den anderen Einschätzungen der zitierten Rezession stehen die Deutschen vor einer Grundsatzentscheidung, ob sie darauf verzichten, was sie bisher geliebt haben und den Partner wechseln. Das wäre der Sprung vom Verbrenner- zum E-Auto.

 

Keine Branche hat seit dem Bestehen der Bundesrepublik sich in so kurzer Zeit so schnell drehen müssen, wie der Autobau es jetzt gerade tut. Neue Industrien wurden vielfach aufgebaut, aber mit langer Laufzeit. Der wichtigste Wirtschaftssektor in Deutschland muss das Ganze in etwa zwei bis drei Jahren schaffen. Dazu zählen Jobverluste, Jobgewinne völlig anderer Art und sehr viel Geld für neue Investitionen unter der Bedingung, dass sehr viele alte Anlagen schlicht Schrott sind. Ein solcher Wandel ist in der bisher geschätzten Größenordnung von etwa 150 bis 200 Mrd. € eine absolute Seltenheit.

 

Diesen Wandel vorauszusagen erforderte sehr viel Mut oder auch nur einen Sinn dafür, wie industrielle Wechselwirkungen stattfinden. Etwas übertrieben gesagt: Von der Petroleumlampe zur Glühbirne ergab im Wesentlichen das Gleiche. Andere Technikwechsel sind beliebig nachzuvollziehen. Der letzte in Deutschland lief vor etwa 40 Jahren, als aus der mechanischen Drehbank Hals über Kopf eine computergesteuerte Drehbank werden musste, um den deutschen Maschinenbau zu retten. Auch das war teuer, sehr schmerzhaft, und an der Börse blieb nur einer übrig: DMG Mori, zusammengesetzt aus Deckel Maho und Gildemeister. Viele andere sind längst verschwunden. Ist das ein Risiko oder eine Chance?

 

In jedem Wandel dieser Größenordnung steckt ein hoher Hebeleffekt. Denn was der eine tut, tut der andere, und wenn der Nachbar gerade etwas plant, muss man selbst überlegen, ob man es realisieren kann. Dieser simple Effekt, der für jedes Kind ebenso gilt wie für einen Fußballer oder eben einen Techniker, ist ab dem kommenden Jahr die typisch deutsche Herausforderung. Kein Land steht unter einer solchen Zwangslage wie Deutschland mit seinem sehr hohen Autoanteil.

 

Die Politik tritt wahrscheinlich in den Hintergrund. Wirtschaftspolitisch ist sie nicht in der Lage, Wesentliches zu bewirken. Die GroKo bleibt zunächst dabei, weitere Sozialprogramme aufzulegen, wofür sie die Bundeskanzlerin als wichtigste Person auf ihrer Seite hat. Ist das gut, ausreichend oder schlecht?

 

Die GroKo-Beteiligten werden alles tun, um bis zum Ende durchzuhalten. Das ist ihre Existenzfrage. Ihre Reichweite läuft für etwa 15 Monate. Der Rest ist Vorwahlzeit, wo keine neuen Gesetze zu realisieren sind. Das bedeutet für die Wirtschaft und für die Börse aus dieser Sicht Sendepause. Nun können die Unternehmer selbst überlegen, was sie aus dieser Konstellation selbständig machen. Der Clou liegt dann darin: Jeder Führungschef kann zurzeit entscheiden, wie er sich nach der angeblichen Rezessionsgefahr neu aufstellen muss. Das hat nichts mit dem laufenden Betrieb zu tun, sondern mit der richtigen Einschätzung, ob das bestehende Produktportfolio richtig ist, der Markt richtig eingeschätzt wird und wie die ergänzenden strategischen Schritte aussehen müssen, um schneller wachsen zu können als der jeweils andere. Ohne Ausnahme. Das wird die Botschaft für 2020.

 

Ihr

 

Hans Bernecker

 

Wussten Sie eigentlich, dass Sie Expertenwissen aus der Bernecker-Redaktion auch zum Gratistarif bekommen können? Mit dem typischerweise wöchentlich erscheinenden kostenlosen Email-Newsletter der Redaktion. Zur Anmeldung geht es hier: https://ichkaufeaktien.de/newsletter-anmeldung/

Schlagworte:
, , , , , , ,
Werbung

Das könnte Sie auch interessieren

Hans A. Bernecker

Hans A. Bernecker Hans A. Bernecker ist das Urgestein der dt. Börse. Seit grob sechs Jahrzehnten bietet der Nationalökonom Orientierung bei der Markteinschätzung und der Ableitung von Investmentchancen. Neben seinem Informationsdienst "Die Actien-Börse" stehen diverse Börsenbriefe aus seinem Redaktionsteam. Charakteristisch ist sein Mut, bei Bedarf gegen den Meinungsstrom zu schwimmen. Dabei kommt ihm nicht nur sein langjähriger Erfahrungsschatz zugute, sondern auch unzählige persönliche Kontakte, die ihm besonders intime Einblicke ermöglichen.

» Alle News von Hans A. Bernecker

News-Suche

Suchbegriff:
Werbung

Werbung
Diese Seite empfehlenschliessen
Interessant, oder?
Teilen Sie diese Seite auf Facebook oder Twitter
Wenn Sie auf die Teilen-Buttons klicken und sich bei den Betreibern einloggen, werden Daten an den jeweiligen Betreiber übermittelt. Bitte beachten Sie die Datenschutzerklärung.
Aktuelle Umfrageschliessen
Wie, glauben Sie, wird der DAX am Ende dieser Woche - KW 5 - stehen?
Jetzt abstimmen!
Alle Umfragen ansehen