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ESMA hat die CFD-Bombe platzen lassen

| Quelle: Michael Hinterleitner | Lesedauer etwa 11 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen
Nun liegt sie schwarz auf weiß vor, die Produktintervention der ESMA CFDs und Binäre Optionen betreffend. Bei den neuen Hebeln fragt man sich bei vielen Unterlyings echt ob die zuständigen Damen und Herren einfach nur, wie soll man es diplomatisch ausdrücken..."nicht vom Fach" sind. Oder schlicht einer Lobby hörig sind, die CFDs am liebsten kaputtreguliert sehen möchte. Sinnvoller Kundenschutz sieht jedenfalls anders aus.
 
In Summe kommt man nicht daran vorbei festzuhalten: Anleger werden bevormundet, und es liegt eine massive Ungleichbehandlung von Produkten vor. Die eine Einladung für Juristen darstellt, die sich nicht erst seit gestern auf die Veröffentlichungen stürzen. Verschiedene Quellen gehen von zumindest teilweise erfolgreichen juristischen Gegenmaßnahmen aus.

Erste Broker-Reaktionen ließen auch nicht lange auf sich warten: IG warnt seine Anleger vor einem Gewinneinbruch, und LYNX wird mit Ende März den CFD-Handel einstellen (der CFD-Anteil dürfte bei einem Futures-Broker aber ohnehin minimal gewesen sein).

Los geht es ja schon mal damit, dass Produktinterventionen eigentlich absolute Notmaßnahmen darstellen für den Worst Case, dass Anleger vor sich selbst geschützt werden müssen. Ist das bei CFDs denn der Fall? Nein, absolut nicht, wir sind alle mündige Trader. Bei Binäre Optionen allerdings sieht die Sache anders aus.

VERBOT BINÄRE OPTIONEN

Es gab (und gibt immer noch) genügend uninformierte oder naive Leute da draußen, die sich durch YouTube-Videos von Typen im AMG SLS oder vor einer schönen Finca, in Sport- und Pferdewetten-Foren dazu hinreißen ließen, ihr hart erspartes Geld in das Casino Binäre Optionen zu tragen. Wo der massive Bankvorteil (bei Verlust sind 100% weg bei maximal 90% Auszahlung) langfristig keine Gewinnchancen zulässt.

Dieser Abzocke wird nun endlich der Garaus gemacht, Binäre Optionen werden verboten. Ist das gelebter Anlegerschutz den wir unterstützen? Oh ja.

Endlich brauchen wir uns mit diesem mangelhaften Konstrukt nicht mehr rumärgern, müssen keine Warnungen mehr aussprechen und versenden. Aus und vorbei, damit kommen wir zum Kernthema, CFDs und FX.

ABSCHAFFUNG DER NACHSCHUSSPFLICHT

Ist ja für deutsche Trader nichts Neues, diesen für Trader grundsätzlich erfreulichen Aspekt haben wir bereits vor längerer Zeit in diesem Artikel ausführlich beleuchtet.

Die spürbarste Folge davon war, dass die meisten Broker mit dem Hebel standardmäßig runtergegangen sind auf 1:50 bis 1:100. Und vor wichtigen News bzw. Wochenenden gerne situativ die Margin erhöht haben.

Die Abschaffung der Nachschusspflicht ist prinzipiell eine tolle Sache. Damit wird den Verfechtern der intransparenten Zertifikate und Optionsscheinen ihr wichtigstes Totschlagargument entrissen, nämlich dass man mehr als die Einlage verlieren kann. Das war natürlich eine große Herausforderung für das Risikomanagement der Broker. Die offensichtlich gut gelöst wurde vom Großteil der seriösen Anbieter. Jetzt hätte also volle Attacke auf die Onlinebroker gerittten werden können.

Wenn da nicht immer noch manche Anbieter mit Hebel von 200, 400 und mehr geworben hätten. Gut für die Wahlfreiheit der Kunden? Ja, sicher. Aber was wenn so ein Anbieter bei einem Black Swan wie dem 15. Januar 2015 in Schieflage gerät, er Dutzende oder gar Hunderte Kundenkonten die ein Minus aufweisen ausgleichen muss. Wird er sich dafür in Unkosten stürzen, einen Investor suchen bzw. Fremdkapital aufnehmen, oder einfach Konkurs anmelden?

Diese Gefahr war immer noch real. Daher hat die Branche eine Hebel-Obergrenze ohnehin erwartet, wenn nicht sogar begrüßt. Da diverse Broker ja ohnehin bereits von sich aus auf 50er oder maximal 100er Hebel runtergegangen sind, um ihr Risiko im Griff zu behalten.

Und wie hat die ESMA das nun gelöst? Absolut furchtbar bei manchen beliebten Basiswerten.

HEBELBESCHRÄNKUNG AUF 1:5 BIS 1:30

Die wichtigsten Obergrenzen auf einen Blick:

Um nur zwei haarsträubende Beispiele heranzuziehen:

Der Mini-Dax-Future, der 5 EUR pro Punkt bewegt, verlangt Intraday je nach Broker zwischen 500 und 1.500 EUR Margin.

5 Dax-CFDs bedürfen nach der neuen Regelung 3.125 EUR Margin, also 2-6x mehr als der Future!

Und jetzt haltet euch fest: der bei Tradern sehr beliebte Euro-Bund Future verlangt etwa nach 800 EUR Intraday-Margin als Future, der 10 EUR pro Cent bewegt. Der Bund-CFD hat bisher im Schnitt um die 1% Margin gehabt, was bei 10 CFDs, um ebenso auf 10 EUR pro Cent zu kommen, dann 1.605 EUR entsprach. Schon das war mehr als beim Future, wenn man diesen nur Intraday hielt. Aber das ist noch gar nichts gegenüber einer Verzwanzigfachung wie geplant, das wären dann wahnwitzige 32.100 EUR!

Der nennenswerte Vorteil der CFDs wäre dann nur noch die flexible kleine Stückelung. Ich wiederhole nochmal zusammenfassend:

Die ESMA will uns konservative Staatanleihen wie den bei Tradern sehr beliebten BUND-Future als hochriskant und volatil verkaufen. So wird bei einem Hebel von 5:1 der mit dem Future vergleichbare CFD-Trade nach 32.100 EUR Margin verlangen, der Future selbst aber nur 800 EUR Intraday!

Gerade diese wirren Restriktionen die umsatzstarken Werte wie DE30, US30, BUND & Co betreffend werden sich selbstredend auf das gehandelte CFD-Volumen auswirken. Es weiß bloß noch niemand wie massiv. Auf jeden Fall wird bereits an Alternativen getüftelt, wie ich weiter unten ausführen werde.

Neue Stop-Out Regeln

Bisher hatte jeder Broker eigene Regeln, wie und wann Positionen im Verlust automatisch vom Broker geschlossen werden. Um den Kunden zu schützen, aber natürlich auch um den Broker selbst zu schützen. Schließlich drohen manche überinvestierten Konten ohne vernünftige Stopps in volatilen Phasen ins Minus zu geraten. Und seit Wegfall der Nachschusspflicht müsste das der Broker ja aus eigener Tasche berappen. Die einen gingen nach dem First In, First Out-Prinzip vor, andere haben die größte Verlustposition geschlossen etc.

Tatsächlich ist uns Tradern und den Brokern in diesem Fall der Worst Case doch noch erspart geblieben. War ursprünglich nämlich geplant, diese Stop-Out-Regel auf jede einzelne Position auszulegen, soll nun doch wieder bloß das gesamte Konto herangezogen werden. Und zwar mit dem Grenzwert von 50%. Berücksichtigt man die deutlich gesenkten Hebel, wird es ohnehin schwierig, 50% der gesamten Margin durch Buchverluste auffressen zu lassen. Jeder vernünftige Trader kennt sich und sein Risiko- und Moneymanagement.

Wer sich die Lektüre der gesamten Publikation antut stößt übrigens auf so manche "amüsanten" Widersprüche. So begründet die ESMA die neue Stop-Out-Regel von 50% damit, dass bei einer geringeren Schwelle die Gefahr besteht, dass Kunden mehr als ihre Einlage verlieren könnten. Um im nächsten Absatz aber die Abschaffung der Nachschusspflicht zu beschreiben, die genau das ja bereits verunmöglicht...

Verbot monetärer Anreize

Nach der verstörenden Lektüre was die Hebelrestriktionen betrifft hier nun wieder ein Lichtblick. Keine Einzahlungsboni mehr, keine Wiederauflade-Boni, keine Aktionen mehr mit Spread zurück oder reduzierten Kommissionen. Kurz gesagt: die Broker dürfen die Kunden nicht dazu verführen Trades einzugehen, die sie sonst vielleicht nicht machen würden. Darunter fallen natürlich auch Rabattaktionen, manche Broker haben am Ende des Monats Vieltradern einen Teil des Spreads oder der bezahlten Gebühren zurückerstattet.

Da klingelt doch etwas? Richtig, auch BrokerDeal belohnt Trader (egal ob sie einen Trade oder tausende tätigen im Monat) mit einer monatlich im Nachhinein erstatteten Gutschrift. Das bleibt allerdings unbedenklich, dieser Anreiz kommt ja schließlich nicht vom Broker selbst. Und Brokerdeal liefert mit den Gutschriften, den Artikeln, dem Newsletter und Webinaren einen regelmäßigen Mehrwert.

RISIKO-HINWEIS

Künftig muss in jeder noch so unwichtigen Kommunikation zwischen Broker und Kunde ein deutlicher Risikohinweis zu finden sein. Soweit noch nichts Besonderes. Neu ist aber, dass künftig in Prozent angegeben werden muss wie viele Konten in den letzten 12 Monaten Verluste gemacht haben.

Die Berechnungsgrundlage ist dabei streng standardisiert, könnt ihr bei Interesse auf Seite 8 nachlesen. Den Grundstein für diese Maßnahme haben wohl die immer wiederkehrenden Vorwürfe gelegt, dass 90% oder mehr der CFD-Trader Geld verlieren. Dazu kursieren etwa Aussagen der irischen oder polnischen Behörden mit einer Schwankungsbreite zwischen 74-89% an Konten die einen Verlust aufweisen (wie groß das Minus war ist nicht bekannt).

Auf die meisten größeren Märkte ist das aber wohl nicht umzulegen. Man sehe sich etwa die vierteljährlichen Berichte der US-Forex-Broker an. Der den Kunden von OANDA, Interacitve Brokers & Co eine durchschnittliche Erfolgsquote von 32,5% bescheinigt. Und wie eine Studie des CFin Research Center for Financial Services in Deutschland ermittelt hat, verbuchten in dieser Untersuchung nur 62,7% der deutschen Kunden Verluste beim Handel mit CFDs.

Es wird mit Sicherheit spannend die Unterschiede zwischen den Quoten bei den verschiedenen Brokern auf einen Blick vergleichen zu können. Auch daraus lassen sich ja gewisse Rückschlüsse ziehen was die Qualität der Kursstellung und der Ausführungsqualität betrifft.

BROKER MIT KREATIVEN LÖSUNGEN?

Ältere Stellungnahmen diverser Broker waren bereits im Vorgängerartikel zu lesen. Welche Schlupflöcher und mögliche Lösungen nun in den Köpfen der Broker rumspuken, darf ich erstmal nur inoffiziell zitieren.

  • Broker gewährt Kreditrahmen
    Es gibt bereits einen Aktien-Broker, der gewährt den Kunden einfach einen Kredit, direkt auf das Handelskonto gebucht. Eine sogenannte "tradeable asset". Dafür werden zwar gesalzene Zinsen fällig. Aber theoretisch könnte man so mit nur 1 EUR Einlage wieder massiv gehebelt handeln. Einer Bewertung enthalte ich mich dazu erst einmal, ich möchte es nur erwähnt haben.
     
  • Als professionellen Kunden einstufen lassen
    CMC, IG und andere Broker bieten mittlerweile bereitwillig an, sich statt als "retail investor" dann als "professional client" einstufen zu lassen. Die Hebelbeschränkungen würden dann nicht gelten für dieses Konto, können wieder frei verhandelt werden. Dafür muss man aber auch wieder darauf verzichten von der Nachschusspflicht befreit zu werden. Was Trader die wissen was sie tun nur allzu gerne hinnehmen werden.
    Zudem ein Gesprächspartner bereits angedeutet hat, trotzdem auf die Nachschusspflicht verzichten zu wollen. Wer sich dafür näher interessiert soll mir eine Mail schicken.
     
  • Kunden über Offshore-Niederlassungen leiten
    Das würde dann im Grunde ca. so ablaufen: der Broker ist in der EU reguliert. Hat aber auch eine Zweigniederlassung z.B. auf einer exotischen Insel. Man ruft als Kunde dort an und erkundigt sich nach höheren Hebeln. Die Antwort wäre dann in etwa "Tut mir leid, die neuen Vorschriften untersagen höhere Hebel. Wir könnten Sie allerdings auf unsere Niederlassung auf Gilligans Insel umschlüsseln wenn Sie das wünschen?".


Und ich gebe zu bedenken: nach dem Brexit 2019/2020 wird wohl auch UK nicht mehr an diese Restriktionen gebunden sein wenn die FCA das möchte! Also alles andere als ein exotisches Offshore-Land.

Überhaupt reiben sich Broker aus dem EU-Ausland aktuell fleißig die Hände, und empfangen CFD-Trader die auf höhere Hebel angewiesen sind mit offenen Armen. Viele Herkunftsländer, speziell manche Inseln, werden sich zwar schwer tun skeptische Anleger zu gewinnen, die dorthin zigtausende Euros überweisen sollen. Renommierte Anbieter etwa aus Australien können sich aber meiner Meinung nach berechtigte Hoffnungen auf ein Bombengeschäft machen. Auch hierzu halten wir euch natürlich auf dem Laufenden, sind schon mit zwei Anbietern im Gespräch die wir uns als attraktive Alternative für euch in der Hinterhand behalten wollen.

WIE GEHT ES NUN WEITER?

Die neuen Vorschriften treten wohl zügig in Kraft, spätestens im Sommer diesen Jahres. Wenn dem nicht noch juristische Maßnahmen einen Strich durch die Rechnung machen sollten. Aber auch wenn das ausbleibt wird das ESMA-Wort nicht sofort überall Gesetz, denn: im Grunde macht die ESMA den einzelnen Ländern nur Vorschläge. Die einzelnen Regulierungsbehörden sind also nicht verpflichtet, sich 1:1 an die Vorgaben zu halten.

Die britische Aufsichtsbehörde FCA hat etwa schon angekündigt, mit der ESMA erneut konsultieren zu wollen. Theoretisch ist also auch weiterhin der dort geltende Hebel von 50:1 denkbar. Während der holländischen Behörde die beschriebenen Marginsätze völlig egal sind, die wollen weiter auf einem Hebel von lediglich 1 bestehen.

Mit Spannung bleibt zu erwarten wie sich die ESMA vorstellt verhindern zu können, dass wir Trader einfach Broker im EU-Ausland wählen. Dabei verlässt man dann natürlich den regulatorischen Schirm der EU, womit in Sachen Anlegerschutz eigentlich genau das Gegenteil erreicht werden würde.

Mit Sicherheit werden auch Futures-Broker wieder interessanter, auch hierzu stehen wir im Gespräch mit einem neuen interessanten Anbieter zwecks Vorteilen für Mitglieder von BrokerDeal.

Was mich persönlich einfach massiv ankotzt ist die Ungleichbehandlung mit anderen nicht börsengehandelten Produkten. Allen voran Optionsscheinen und Zertifikaten, die großteils im Direkthandel mit den Emittenten umgesetzt werden. Wie Trader hierbei abgezockt werden ist unvorstellbar und habe ich schon in mehreren Artikeln thematisiert.

Ich möchte mich hier nicht wiederholen, verweise an dieser Stelle bei Interesse lieber auf das kurze Beispiel im Fazit im Vorgängerartikel.

Leider ist die ESMA bei ihrer harten Linie geblieben was den ersten Entwurf die Hebelreduktionen betreffend angeht. Wie absurd und realitätsfern die Behörde hierbei vorgeht habe ich hoffentlich veranschaulichen können.

Gut kapitalisierte Trader werden sich davon nicht verschrecken lassen. Kleinkonten stehen allerdings vor einer Herausforderung, die Brokerbranche mit Sicherheit auch. Kreative Lösungen werden aber schon entworfen.

Und eine Hoffnung darf ich am Ende noch äußern: vielleicht wird es den deutschen Online-Brokern damit auch zu bunt bzw. zu unrentabel CFDs anzubieten. Die sie ja zu horrenden Konditionen anbieten in dem Wissen, dass der Großteil ihrer Kunden die sie aus dem bisherigen Wertpapiergeschäft schon hatten damit bei ihnen handelt statt nach einem "richtigen" CFD-Broker zu suchen.

Viel Erfolg beim Trading
Michael Hinterleitner

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Michael Hinterleitner

Michael Hinterleitner Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading schnell wichtiger als sein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich. Auf www.brokerdeal.de finden Sie nicht nur schonungslose Echtgeldtests und Trading-Knowhow, sondern auch Spezialkonditionen und Aktionen für Mitglieder.

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