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Experten kritisieren Kommunikation von EZB-Chefvolkswirt Lane

| Quelle: Dow Jones Newsw... | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen
Von Tom Fairless und Paul J. Davies

FRANKFURT (Dow Jones)Ehemalige Zentralbanker und Analysten haben das Kommunikationsgebahren des Chefvolkswirts der Europäischen Zentralbank (EZB), Philip Lane, kritisiert. Wie aus Lanes auf der EZB-Website veröffentlichtem "Terminkalender" hervorgeht, sprach er unmittelbar nach EZB-Ratssitzungen mit anschließender Pressekonferenz von Präsidentin Christine Lagarde mit bis zu zehn Vertretern großer Banken und Vermögensverwalter. Experten kritisierten, dass er damit riskierte, Großinvestoren bevorzugt mit sensiblen Informationen zu versorgen.

Man nimmt nicht einfach den Telefonhörer ab und redet mit einem ausgewählten Personenkreis", sagte Panicos Demetriades, früherer Gouverneur der zyprischen Zentralbank und Mitglied des EZB-Rats. Nur mit großen Marktteilnehmern zu reden, sei nicht das, was von einer Zentralbank erwartet werde, denn das sei nicht gut für die Beziehungen zur Öffentlichkeit.


EZB bestätigt Telefonate mit EZB-Watchern

Ein EZB-Sprecher bestätigte die Anrufe, die nach Aussage von Teilnehmern 10 bis 15 Minuten dauerten. Demnach lieferte Lane Klarstellungen zur EZB-Politik und betrieb "Feinsteuerung". Er hört aber auch zu. "Der Zweck ist, die Ansichten der Ökonomen zu erfahren, bei denen es sich um EZB-Watcher handelt, und die Klärung technischer Details", sagte ein EZB-Sprecher. Dieses Vorgehen sei schon im Dezember 2019 beschlossen, aber erst ab März praktiziert worden.

Nach der Ratssitzung am 12. März hatte die damals noch recht neue EZB-Präsidentin Lagarde in ihrer Pressekonferenz nach der Ratssitzung mit der Äußerung Aufsehen erregt, die EZB sei nicht dazu da, die "Spreads zu schließen", also die Abstände zwischen den Renditen europäischer Staatsanleihen.

In der Welt der Zentralbanken können schon kleinste Nuancen in der Kommunikation von Spitzenoffiziellen großen Einfluss auf Asset-Preise haben. Lagardes Äußerungen über die Spreads trugen zu einem deutlichen Anstieg der italienischen Staatsanleiherenditen und einem 17-prozentigen Verlust am italienischen Aktienmarkt bei. Nach der Pressekonferenz versuchte sie in einem Fernsehinterview den zuvor entstandenen Eindruck zu korrigieren.


Lane veröffentlicht Blogs erst nach Gesprächen mit Analysten

Am Tag danach veröffentlichte Lane einen Blog auf der EZB-Website, in dem es hieß: "Wir werden keine Risiken für die reibungslosen Übertragung unserer Geldpolitik in alle Länder des Euroraums tolerieren. Wir sind ganz klar bereit, mehr zu tun und alle unsere Instrumente anzupassen, um zu verhindern, dass die in Reaktion auf die beschleunigte Ausbreitung des Coronavirus erhöhten Spreads die (geldpolitische) Transmission unterminieren."

Am Abend zuvor allerdings hatte Lane schon mit Analysten von Axa, Blackrock, Citi, Deutscher Bank, Goldman Sachs, JP Morgan, Pictet, Pimco, Evercore, UBS und Unicredit telefoniert. Thema: Wirtschaftsausblick und Geldpolitik. "Es wäre wünschenswert, dass alle Akteure gleichzeitig Zugang zu relevanten Informationen bekommen", sagte Stefan Gerlach, früherer stellvertretender Gouverneur der Zentralbank Irlands.


Lane korrigiert Eindruck von Pressekonferenzen der EZB-Präsidentin

Nach der EZB-Ratssitzung am 10. September äußerten Analysten den Eindruck, dass Lagarde die Inflationsaussichten recht rosig dargestellt habe. So hatte sie nach Veröffentlichung der aktuellen Stabsprojektionen von gesunkenen Deflationsrisiken gesprochen und den Einfluss des starken Euro heruntergespielt. Einen Tag später hatte Lane einen Blog auf der EZB-Webseite veröffentlicht, in dem er klarstellte, dass die EZB "keinen Anlass zur Selbstzufriedenheit" sehe und dass es nur begrenzten Fortschritt beim Ausgleich der negativen Wirkungen der Pandemie auf die projizierte Inflationsdynamik gegeben habe.

Schon einen Tag vorher kamen aber schon einige große Finanzmarktakteure in den Genuss eines Telefonats mit Lane, in dem über den Konjunkturausblick und die Geldpolitik gesprochen wurde. Laut EZB-Aufstellung handelte es sich um Barclays, Citi, Credit Agricole, Deutsche Bank, Goldman Sachs, JP Morgan, Morgan Stanley und UBS. Nach der Ratssitzung am 16. Juli telefonierte Lane demnach mit Credit Agricole, Bank of America, Nomura, Evercore, Berenberg und JP Morgan.

Solche Gespräche gehören zum Geschäft, auch wenn man sich fragen kann, ob solch exklusive Gespräche wirklich zu einer EZB passen, die laut Lagarde mit allen Europäern deutlich kommunizieren möchte", sagte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt von ING-Diba. Vor allem das Timing der Gespräche sei ungeschickt und ungünstig. "Damit öffnet die EZB die Tür zu allerlei Spekulationen."

Mitarbeit: Hans Bentzien)

Kontakt zu den Autoren: konjunktur.de@dowjones.com

DJG/DJN/hab/kla

END) Dow Jones Newswires

December 01, 2020 11:03 ET ( 16:03 GMT)

Copyright (c) 2020 Dow Jones & Company, Inc.
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