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Gold: Die Ruhe vor dem (neuen) Ansturm?

| Quelle: Dirk Hess | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Negative Zinsen, steigende Staatschulden, explodierende Geldmengen – als das sollte Gold eigentlich in die Hände spielen. Dass sich das gelbe Edelmetall momentan im Ruhemodus befindet, hat einen Grund. Aber wehe, das ändert sich.

 

Bei über 2.000 US-Dollar notierte Gold noch im August. Jetzt kostet die Feinunze nur noch rund 1.850 US-Dollar. So mancher Anleger mag sich da Fragen: Was ist los mit Gold? Dazu gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte zuerst: Die Wirtschaft droht erneut in eine Rezession zu fallen. Und genau das ist die gute Botschaft für Gold. Denn die Zentralbanken werden angesichts der gigantischen ökonomischen Schäden, die die Corona-Restriktionen mittlerweile verursacht haben, zu immer neuen expansiven Taten angetrieben. Beispiel EZB: Erst vor wenigen Wochen hat die europäische Notenbank ihr Anleihekaufprogramm (PEPP) um weitere 500 Milliarden Euro auf nunmehr 1.850 Milliarden Euro aufgestockt. Die Geldmenge M3 ist von 4 Billionen Euro Ende 2019 auf nunmehr 11 Billionen Euro explodiert, wobei im Oktober fast ein Drittel der Geldschöpfung durch Staatsanleihekäufe verursacht wurde. Apropos Staatsanleihen: Die Verschuldung der europäischen Staaten erreicht ebenfalls immer neue Höchstwerte und ein Ende ist nicht absehbar. Mittlerweile wird sogar schon ernsthaft über einen Schuldenschnitt diskutiert.

 

Zinsnotstand spricht für Gold

Eigentlich müsste die Geldschöpfung von EZB und Fed den Goldpreis weiter antreiben. Doch momentan fehlt noch eine entscheidende Zutat in der Suppe: die Inflation. Hintergrund ist folgender: Gold bietet Anlegern keine Zinserträge. Der Anleger ist aus Renditeaspekten also ausschließlich auf die Wertsteigerung des Edelmetalls angewiesen. Dabei gilt: Je höher bzw. tiefer der Zins ist, umso größer bzw. niedriger die Opportunitätskosten der Goldhaltung. Tiefe Zinsen sind also ein Treiber der Goldnachfrage. An niedrigen Zinsen mangelt es nicht, in den USA ist die Rendite von 10-jährigen Staatsanleihen auf Jahressicht um 92 Basispunkte auf 0,91 Prozent pro Jahr gefallen. In Deutschland sind die nominalen Zinsen für Staatspapiere ohnehin schon seit Jahren im negativen Bereich. Aktuell liegt der Zins für zehnjährige Staatsanleihen der Bundesrepublik  bei minus 0,62 Prozent. Sowohl in den USA als auch in Europa dürfte sich am Zinsnotstand auf Jahre hinaus nichts ändern. Das haben beide Notenbanken bereits unmissverständlich deutlich gemacht.

 

Die Realzinsen sind entscheidend

Dass der Goldpreis davon nicht (weiter) profitiert, liegt an den zuletzt etwas schwächeren Inflationserwartungen. Denn nicht der Nominalzins ist für die Goldnachfrage der Investoren entscheidend, sondern der Realzins. Also der Zinssatz, der die Wertänderung eines Vermögens unter Berücksichtigung der Inflation angibt. Er berücksichtigt, dass ein Geldvermögen bei steigendem Preisniveau an Wert oder Kaufkraft verliert oder umgekehrt bei sinkendem Preisniveau an Wert gewinnt. Er wird näherungsweise als Differenz von Nominalzins und Inflationsrate errechnet. Zuletzt sind sowohl in Europa als auch in den USA die Teuerungsraten leicht zurückgegangen. Beispielsweise ist der deutsche Verbraucherpreisindex im November auf Jahressicht sogar um 0,3 Prozent gesunken.

 

Fragwürdige EZB-Prognose

Zudem haben aus Sicht der Goldanleger die Inflationsprognosen der EZB enttäuscht. Die Notenbanker rechnen im nächsten Jahr mit einem Anstieg der Inflation um 1,0 Prozent. Für 2022 wird ebenfalls nur eine Inflationsrate von 1,1 Prozent erwartet (zuvor: 1,3 Prozent). Doch das könnte sich als Trugschluss erweisen. Denn die Fortschritte bei der Impfstoffzulassung sollten ab dem Frühjahr 2021 zu einem Konjunkturschub führen, der bis weit ins Jahr 2022 anhält. Zudem könnten die Preise aufgrund der wieder höheren Energiepreise, den zusätzlichen Abgaben bzw. Steuern für den Klimaschutz und einem spürbar steigenden Mindestlohn stärker anziehen als die Währungshüter momentan erwarten.

 

Ein Tipp für Trader

Europa mag wichtig sein, entscheidender für den Goldpreis ist jedoch das monetäre Umfeld in den USA. Der US-Dollar neigt momentan zur Schwäche, was Gold ebenfalls in die Hand spielen sollte. Doch auch jenseits des Atlantiks waren die Inflationserwartungen zuletzt leicht rückläufig. Jedoch könnten sich die Preissteigerungsprognosen auch hier als zu konservativ erweisen. Gold bleibt daher trotz der aktuellen Korrektur eine wichtige Komponente bei der Vermögensallokation. Genauso wie andere Sachwerte wie etwa Aktien. Ein Tipp für spekulative Anleger: Unbedingt die Inflationserwartungen der Universität Michigan im Auge behalten (University of Michigan: Inflation Expectation). Ein „leichtes Zucken“ hier entfachte in der Vergangenheit schon häufig eine große Wirkung auf den Goldpreis.

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Dirk Heß

Dirk Heß Dirk Heß, Finanzexperte der Citi, schreibt regelmäßig zu aktuellen Markt- und Derivate-Themen. Als Co-Head EMEA Public Listed Products Sales & Distribution bei Citigroup Global Markets Europe besitzt er langjährige Expertise in allen Fragen rund um Börse und Investments. In seinem regelmäßigen Kommentar gibt Dirk Heß fundiertes Fachwissen weiter.

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