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Griechenland – die Philosophie des Tradings

| Quelle: Dirk Hess | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Derivate sind keine Erfindung der Neuzeit. Ihr Einsatz reicht Tausende von Jahren zurück. Gehen Sie mit uns auf Zeitreise und erkunden Sie in einer mehrteiligen Serie die spannende Geschichte der Derivate. Heute: Wie die Griechen ungewollt zum Maß aller Dinge wurden.

Das antike Griechenland ist für seine zahlreichen Philosophen und Naturwissenschaftler weltberühmt. Durch Pythagoras wurde zum Beispiel die Mathematik entscheidend vorangetrieben, Demokrit führte die Naturprozesse auf kleinste unteilbare Elemente (Atome) zurück, Aristoteles trug maßgeblich zur Einteilung und Entwicklung unterschiedlicher Naturwissenschaften bei und Archimedes formulierte die ersten Gesetze der Physik. Angesichts solcher epochalen Leistungen überrascht es ein wenig, dass die Hellenen auf dem Gebieten des Handels und dem Einsatz von Derivaten im Vergleich zur Hochkultur Mesopotamiens eher zurückhaltend waren.

 

Handel – für Griechen ein niederes Gewerbe

Gewiss, die Drachme mit der berühmten Eule, die ab 600 vor Christus erstmals im Stadtstaat Athen auftauchte, gilt als eine der ersten bedeutenden Münzwährungen überhaupt. Doch für den griechischen Vollbürger war eine Handelstätigkeit keine gesellschaftlich geachtete und akzeptierte Einkommensquelle. Das Handelsgewerbe überließen die alten Griechen weitestgehend politisch degradierten, nichtbürgerlichen Ansiedlern, den sogenannten Metöken. Für tüchtige und risikofreudige Metöken ergaben sich daraus vielfältige Chancen. So stieg zum Beispiel der um etwa 430 vor Christus geborene Pasion zu einem der wohlhabendsten Athener auf und noch heute gilt er laut manchen Experten zufolge als erster Bankier Europas.

 

Kassageschäfte bevorzugt

Waren Terminvereinbarungen zur Finanzierung und Absicherung von Warengeschäften im alten Mesopotamien quasi eine Selbstverständlichkeit, hatten die antiken Griechen eine eher ablehnende Haltung gegenüber solchen Derivaten. Das griechische Recht bevorzugte Kassageschäfte. Allerdings heißt das nicht, dass es keine Verträge für zukünftige Lieferungen gab. Tatsächlich waren die Griechen in kommerziellen Angelegenheiten mitunter recht pragmatisch. So erlaubte der Stadtstaat Athen Forward-ähnliche Verträge für zukünftige Lieferungen im Seehandel, da die Bewohner vom Import von Getreide aus Ägypten abhängig waren. Auch ließ der Makedonier Alexander der Große, der im vierten Jahrhundert vor Christus das Perserreich samt Ägypten eroberte, dass aus Mesopotamien stammende lokale Handels- und Rechtssystem samt deren Termingeschäften weitgehend intakt.

 

Thales: Philosoph und Trader

Dass das Handelsgewerbe für die meisten griechischen Vollbürger nicht in Frage kam, heißt nicht, dass sie sich nicht mit den Möglichkeiten des Geldverdienens auseinandersetzten. Das zeigt eine Geschichte über den griechischen Philosophen und Mathematiker Thales von Milet. Aufgrund seiner astronomischen Analysen sah Thales bereits im Winter eine überdurchschnittlich üppige Olivenernte für den Herbst voraus. Er handelte daher frühzeitig mit allen Besitzern von Olivenpressen in der Region das Recht, aus, die Pressen zur Erntezeit gegen eine vergleichsweise geringe Gebühr nutzen zu dürfen. Als die Olivenernte alle Erwartungen übertraf, konnte er das Nutzungsrecht mit einem deutlichen Aufschlag weiterverkaufen und somit ein kleines Vermögen anhäufen.

 

Renaissance der Griechen

Die Anekdote über Thales wurde von Aristoteles in seiner staatspolitischen Abhandlung „Politik“ zu Papier gebracht und gilt heute als Beleg für eine der ersten Call-Optionen der Geschichte. Gleichwohl wollte Aristoteles mit seiner Erzählung lediglich demonstrieren, wie einfach es für Philosophen war, reich zu werden, wenn sie es nur wollten. Dass die Griechen trotzdem noch heute für zahlreiche Trader zum Maß aller Dinge gehören, ist auf eine andere Geschichte zurückzuführen. Im Jahr 1973 entwickelten die Finanzmathematiker Fischer Black und Myron Samuel Scholes ihr berühmtes Black-Scholes-Modell zur finanzmathematischen Bewertung von Optionen. Die einzelnen Ableitungen des Optionspreises nach den jeweiligen Modellparametern benannten sie nach Buchstaben aus dem griechischen Alphabet – den sogenannten „Griechen“ (Greeks). So gibt zum Beispiel das Delta an, wie sich der Preis einer Option ändert, wenn sich der zugrunde liegende Basiswert (zum Beispiel eine Aktie) um eine Einheit verändert. Weitere Kennzahlen sind das Gamma, Vega, Theta, Rho und Omega. Auf diese Weise sind „die Griechen“ auch in der Welt der Finanzen noch heute sehr lebendig. Auch wenn sich ein Kuckucksei darunter geschmuggelt hat: die Kennzahl Vega ist nämlich der Phantasie der Namensgeber und nicht dem griechischen Alphabet entsprungen.

Inzwischen feiern Optionsscheine für Privatanleger in Deutschland ihr 30. Jubiläum. 1989 emittierte Citi als Pionier den ersten Schein auf den USD/DM-Wechselkurs.

Lesen Sie auch:

Geschichte der Derivate Teil 1: Mesopotamien – die Wiege der Derivate

Weitere Infos unter:  https://blog.citifirst.com/

 

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Dirk Heß

Dirk Heß Dirk Heß, Finanzexperte der Citi, schreibt regelmäßig zu aktuellen Markt- und Derivate-Themen. Als Co-Head EMEA Public Listed Products Sales & Distribution bei Citigroup Global Markets Europe besitzt er langjährige Expertise in allen Fragen rund um Börse und Investments. In seinem regelmäßigen Kommentar gibt Dirk Heß fundiertes Fachwissen weiter.

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