DAX ®12.331,30+0,99%TecDAX ®2.917,25+1,25%Dow Jones25.758,69+0,35%NASDAQ 1007.371,42-0,08%
finanztreff.de

Kreditausfallversicherungen: Eine alte und neue CDS-Blase?

| Quelle: FIN_BLOG | Lesedauer etwa 6 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Über das Volumen der weltweit gehandelten Derivate gibt es in der Regel nur Schätzungen. Der Nominalwert soll bei über 1.200 Billionen USD liegen, andere Analysten schätzen ihn auf mehr als das Zehnfache des weltweiten Bruttosozialproduktes (ca. 800 Billionen USD). Einen Teil davon bilden die Kreditausfallversicherungen, die sogenannten Credit Default Swaps (CDS). Diese Instrumente erreichten in ihrer Popularität kurz vor der Finanzkrise ihren Höhepunkt mit einem Volumen von über 60 Billionen USD. Seit der Finanzkrise ist dieser Markt stetig geschrumpft, weist aber immer noch ein Volumen von geschätzten 11 Billionen USD auf. Zum Vergleich, die Kapitalisierung des gesamten deutschen Aktienmarktes liegt in etwa bei 2 Billionen EUR.

 

Was ist ein CDS?

Ein CDS ist im Prinzip nichts anderes als eine Versicherung, die in Kraft tritt, wenn der bezogene, zu sichernde Kredit nicht mehr bedient wird. Dabei gilt natürlich, je riskanter der Kredit, desto höher der Aufschlag, den man für die Kreditausfallversicherung zahlen muss. Die Aufschläge werden in Basispunkten angegeben.  Grundsätzlich handelt es sich bei diesen Geschäften um OTC-Geschäfte, d.h. die Parteien handeln nicht an einer Börse oder in einem sonstigen geregelten Markt, sondern machen die Geschäfte unter sich aus. Ein CDS wird fällig, wenn ein „Credit Event“ stattfindet, ein Kreditereignis. Ein Kreditereignis liegt vor, wenn z.B. eine Zinszahlung nicht termingerecht gezahlt wird. Ein vielen geläufiges Beispiel dafür dürfte Griechenland sein, dass vor einigen Jahren seinen Zahlungsverpflichtungen auf die eigens begebenen Anleihen nicht mehr aus eigener Kraft nachkommen konnte.

 

Entwicklungen der letzten Jahre

Im CDS-Markt kam es nun in den letzten Jahren - und vermehrt in den letzten Monaten - zu recht ungewöhnlichen Vorgängen. Die Investmentbank Barclay’s ging darauf unlängst in einer Studie ein. Die ominösen Bezeichnungen dafür lauten „Manufactured Credit Events“ sowie „Orphan CDS“. Was verbirgt sich nun dahinter?

Zu einem ersten konstruierten Kreditereignis kam es bereits 2013 zwischen dem Schuldner Codere und dem Hedgefonds GSO Capital Partners, einer Tochter von Blackstone. GSO kaufte mit einem weiteren Partner einen 100 Mio. USD Kredit der Firma Codere und man einigte sich auf neue Kreditbedingungen. Codere tätigte dann später eine Zinszahlung des Kredites vorsätzlich erst zwei Tage nach dem Zinsfälligkeitstermin. Laut den Regeln der International Swaps and Derivatives Association (ISDA) wurde dadurch ein Kreditereignis ausgelöst, also wurde nun eine etwaige Kreditausfallversicherung fällig. GSO kaufte im Vorfeld genau solche CDS für den 100 Mio. USD Kredit von Codere und profitierte von der Auszahlung der fällig gewordenen CDS. Der „Geschädigte“ in diesem Fall war dann natürlich der Verkäufer der CDS.                                                                                                                                                                     

Im Jahr 2016 entschied sich iHeartCommunications Inc. einen fälligen Kredit nicht völlig zurückzuzahlen. Der Teil des Kredites, der nicht gezahlt wurde, hätte aber lediglich einer eigenen verbundenen Gesellschaft von iHeart zugestanden, Clear Channel Holdings. Man geht davon aus, dass die Fälligstellung des zugehörigen CDS hier nicht iHearts primäre Absicht war. Dennoch, die Nichtbedienung eines Kreditanteils an z.B. eigene Tochterunternehmen reicht, um ein Kreditereignis auszulösen und damit CDS fällig zu stellen.

Ende 2017 kam es zu einem weiteren konstruierten Kreditereignis, wiederum war hier der Hedgefonds GSO Capital Partners involviert. Hovanian Enterprises einigte sich mit GSO auf eine Refinanzierung seiner Kredite. Teil der Abmachung war, das Hovanian versicherte, keine Kuponzahlungen vorzunehmen für eine Anleihe, die von einem Tochterunternehmen von Hovanian gehalten wird. Hovanian verkündete folglich auch, dass es die am 1. Mai 2018 fällige Zinszahlung für die Anleihe ausließ.  Laut Bloomberg News enthüllte eine gerichtliche Verhandlung, dass GSO vor Abschluss des Geschäftes Kreditausfallversicherungen in Höhe von 333 Mio. USD kaufte. Die nicht bediente Zinszahlung wird wahrscheinlich ein Kreditereignis auslösen, und GSO erwartet von seiner CDS-Position zu profitieren. Das wird sich allerdings erst Ende Mai herausstellen, da die ISDA eine 30-tägige „Gnadenfrist“ für Kreditereignisse einräumt. Interessant an diesem Fall ist, dass hier die Umstände der zuvor beschriebenen Beispiele (Codere, CDS mit Absicht auslösen; iHeart, Zahlungen an eigene Tochterunternehmen versäumen) vereint sind.

Bis dato war es also Thema, dass ein Investor und ein Kreditschuldner zusammenarbeiteten und einen Kreditausfall „künstlich“ erzeugten, um von der Kreditausfallversicherung zu profitieren. Der Kreditschuldner erhält im Gegenzug günstigere Refinanzierungsbedingungen. Nun gesellte sich anscheinend noch eine weitere Spielart „modernen Finanzingenieurtums“ hinzu. Die künstliche Erzeugung von „verwaisten“ Credit Default Swaps, “Orphan CDS“.

 

Ableitungen im aktuellen Marktumfeld

Der Clou hier: Die auf einen CDS bezogenen ausstehenden Kredite werden in eine andere rechtliche Konstruktion überführt, so dass es zu keinem Kreditereignis kommt. Der CDS aber hat keine Referenz mehr, ist quasi verwaist. So verrückt es klingt, es scheint zu funktionieren. Die Firma McClatchy traf eine Vereinbarung mit dem Hedgefonds Chatham Asset Management, 418,5 Mio. USD Kredite aufzusplitten und in komplizierten Transaktionen einer neu gegründeten Tochtergesellschaft McClatchy’s zuzuordnen. Sollte die Gesamttransaktion erfolgreich sein, werden die durch CDS versicherten Schulden McClatchy’s von 710 Mio. USD auf rund 8 Mio. USD schrumpfen, denn die CDS-Referenz lautet The McClatchy Company und nicht deren neue Tochtergesellschaft. Dass die betroffenen CDS „mitwandern“, ist indes unwahrscheinlich und sie werden damit voraussichtlich verwaisen, sprich fast wertlos werden. Dass die Markteilnehmer das ähnlich sehen, konnte man am Preis der betroffenen McClatchy CDS beobachten, nachdem der Deal mit Chatham Asset Management verkündet wurde:

 

 

 

Wie Bloomberg am 2.Mai meldete, gehört die Anchorage Capital Group zu den Verlierern dieses „Deals“. Anchorage kaufte auf McClatchy bezogene CDS, die nun drohen, völlig wertlos zu werden. Chatham wiederum soll 5-Jährige auf McClatchy bezogene CDS verkauft haben und profitiert somit indirekt von einem Wertverlust der verkauften CDS.

Was sind nun die Konsequenzen dieser neuesten „Geschäftspraktiken“? Neben vielen bereits frustrierten Marktteilnehmern im CDS-Markt, droht auch ein weitreichender Vertrauensverlust. Investoren könnten aufgrund der Unsicherheit zukünftig auf den Kauf von CDS verzichten.  

Auch die „Ansteckung“ (Contagion) anderer Märkte ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Man erinnere sich, dass die Finanzkrise 2008 mit all ihren Auswirkungen von einem Teil des Derivatemarktes ausging, dem Markt für Mortage Backed Securities. Auch dort häuften sich damals zum Höhepunkt Transaktionen am Rande der Legalität.

Die Analysten von Barclay’s schlugen in ihrer Studie zum Thema bereits Maßnahmen vor, wie man durch neue Regelungen solche Praktiken im CDS-Markt zukünftig unterbinden könnte. Dazu gehört unter anderem eine Modifikation der Definition eines Kreditereignisses durch die ISDA.

 

Ob und wie man wirklich reagieren wird, bleibt abzuwarten.

 

Bildquelle mit CCO-Lizenz: https://pixabay.com/de/geld-brieftasche-finanzen-bargeld-3219337/

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und weiterhin viel Freude am Finanzmarkt wünscht das Team von finanztreff.de

Schlagworte:
, ,
Werbung

Das könnte Sie auch interessieren

Werbung
Werbung

News-Suche

Suchbegriff:
Werbung
Werbung

Werbung
Börse Stuttgartschliessen
Börse Stuttgart

Gewinnen Sie pures Gold!

Unter allen Teilnehmern an der Anlegerumfrage verlost der Börse Stuttgart Anlegerclub Gold im Gesamtwert von über 1000 Euro.

Jetzt kostenlos anmelden und mitmachen!
Diese Seite empfehlenschliessen
Interessant, oder?
Teilen Sie diese Seite auf Facebook, Google+ oder Twitter
Aktuelle Umfrageschliessen
Die Bank of England befürchtet Jobverluste durch künstliche Intelligenz. Andere sehen das als Chance für neue Arbeitsplätze. Wie sehen Sie das?
Jetzt abstimmen!
Alle Umfragen ansehen
schliessen