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MARKT-AUSBLICK/Anleger können sich mit Einstieg Zeit lassen

| Quelle: Dow Jones Newswire Web | Lesedauer etwa 6 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen
Von Manuel Priego Thimmel

FRANKFURT (Dow Jones)Die Börsen sind so volatil wie seit Jahren nicht mehr. Als ob ein drohender Handelskonflikt zwischen den USA und dem Rest der Welt nicht genug wäre, ist nun auch noch der hochbewertete Technologie-Sektor unter massiven Abgabedruck geraten. Der Datenskandal rund um Facebook und Cambridge Analytica zieht weiter Kreise und droht der Tech-Hausse ein Ende zu setzen. Solange ein Handelskrieg vermieden wird und die Konjunktur nicht wegbricht, dürfte es bei einer Korrektur an den Börsen bleiben. Die Anleger können sich mit dem Einstieg indes Zeit lassen, denn der Markt dürfte nicht schnell nach oben weglaufen.

Börsianer sind kein Freund von Unsicherheiten. Und davon gibt es derzeit mehr als genug. Als ob der Handelskonflikt zwischen den USA und dem Rest der Welt nicht genug wäre, droht nun ein Ende der FANG-Rally. FANG steht für Facebook, Amazon, Netflix und Google und stellt die Speerspitze der Technologie-Hausse dar. Die missbräuchliche Verwendung von Facebook-Nutzerdaten durch Cambridge Analytica ist nicht nur ein PR-Desaster für das größte Social-Media-Netzwerk der Welt, sondern stellt eine existentielle Bedrohung für alle Datensammler dar. Denn jede Regulierung der Verwendung von Nutzerdaten droht deren Geschäftsmodell "auseinanderzureißen", wie es im Handel heißt.



Tech-Aktien sind schlicht zu teuer


Andere Technologieunternehmen, deren Geschäftsmodell nicht ausschließlich auf der Datenanalyse beruht, stehen zwar besser dar, drohen aber mit den FANGs in die Tiefe gerissen zu werden. Die eigentliche Sorge, so die Societe Generale, ist die extrem hohe Bewertung des Technologiesektors - und dies zu einem Zeitpunkt, da die Zentralbanken der Industrieländer zu einer geldpolitischen Normalisierung zurückkehrten. Gerade der Technologiesektor sei zinssensibler als der Rest des Marktes. Die US-Notenbank hat im März die Leitzinsen angehoben und dürfte dies im laufenden Jahr noch zwei bis drei Mal tun.

Eine nachhaltige Korrektur bei Tech-Aktien würde an den Weltbörsen nicht spurlos vorüberziehen. Mit Blick auf den exportlastigen DAX ist die eigentliche Gefahr aber ein sich ausweitender Handelskonflikt zwischen den USA und dem Rest der Welt. Kaum eine Börse ist so sehr auf offene Märkte angewiesen wie die deutsche. Europa ist zwar zunächst von den Strafzöllen auf Stahl und Aluminium ausgenommen worden. Die Ausnahmeregelung ist allerdings zeitlich begrenzt und dürfte ein taktischer Kniff von US-Präsident Donald Trump sein - dieser will keinen Zweifrontenkrieg gegen China und Europa zugleich führen.



Handelskonflikt wird zur Pokerpartie


Die US-Regierung hat Strafzölle auf chinesische Importe von bis zu 60 Milliarden Dollar angekündigt. Washington wirft Peking - nicht ganz zu Unrecht - Diebstahl geistigen Eigentums vor. Schon lange macht China den Zugang zu seinen hochattraktiven Märkten von erzwungenen Technologietransfers abhängig. In den vergangenen Jahren sind die Chinesen vermehrt dazu übergegangen, Schlüsseltechnologien durch die Akquisition von Hightech-Unternehmen zu erwerben. Washington hat in der Zwischenzeit damit begonnen, der Praxis einen Riegel vorzuschieben und verschiedene Transaktionen untersagt, wie etwa den Verkauf von Aixtron an einen chinesischen Investor.

Auf die Ankündigung von Strafzöllen hat China bislang sehr besonnen reagiert. Premierminister Li Keqiang unterstrich Chinas Bereitschaft, die Verhandlungen mit den USA zum Abbau der Spannungen fortzusetzen und eine Win-Win-Situation zu erzielen. Auch aus dem Weißen Haus waren in den vergangenen Tagen wieder versöhnlichere Töne zu hören. Börsianer sprechen von einem "Pokerspiel" zwischen Peking und Washington mit ungewissem Ausgang. Das größte Risiko sind nach Einschätzung der Commerzbank Fehlkalkulationen auf beiden Seiten, die zu einer Eskalation des Konflikts führen könnten.



Für den DAX spricht vor allem seine Bewertung


Der Einsatz ist hoch: Wie die Deutsche Bank anmerkt, ist das globale Handelsaufkommen seit dem Zweiten Weltkrieg stetig gestiegen und liegt nun bei 50 bis 60 Prozent des weltweiten BIP. Jede Handels-Einschränkung wäre gerade für die deutsche Exportmaschinerie eine Belastung, ein echter Handelskrieg eine Katastrophe. Die meisten Beobachter erwarten, dass sich der Handels-Konflikt noch längere Zeit hinziehen wird - eine Phase der Unsicherheit, in der nicht davon auszugehen ist, dass Investoren allzu viele neue strategische Long-Positionen im DAX aufbauen werden.

Für den DAX spricht vor allem seine attraktive Bewertung von 12,5 auf Basis der 2018er-Gewinnprognosen, die einen gewissen Risikopuffer nach unten darstellt - vorausgesetzt, das Schlimmste wird vermieden. Löst sich der Handelskonflikt in Wohlgefallen auf, dürften sich die Kurse schnell erholen. Wie die Experten von EY ausgerechnet haben, sind die Dividendenausschüttungen der DAX-Konzerne 2017 auf ein neues Rekordhoch gestiegen. Insgesamt 36,1 Milliarden Euro wird an die Aktionäre ausgeschüttet, was einem Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Und dieses Jahr dürften Gewinne und Dividenden weiter steigen.



PMIs mit Topbildung - Wirtschaft bleibt aber auf Wachstumskurs


Dafür sprechen jedenfalls die Einkaufsmanagerindizes (PMI). Diese haben zwar ein Top gebildet, liegen aber noch immer auf einem so hohen Niveau, welches nach Einschätzung der Deutschen Bank für ein BIP-Wachstum von 3 Prozent in der Eurozone spricht. Bislang hat der schwelende Handelskonflikt also keine merklichen Spuren in der Wirtschaft hinterlassen. Viel Beachtung unter Börsianern hat in den vergangenen Tagen die sich verflachende US-Zinsstrukturkurve gefunden. Der Spread zwischen zweijährigen und zehnjährigen US-Treasurys ist unter 50 Basispunkte gefallen und damit auf ein so enges Niveau wie seit Ausbruch der Finanzkrise nicht mehr.

Gefährlich wird es, wenn die Kurve invers wird, der Zins am kurzen Ende also über dem am langen Ende liegt. Dies war in der Vergangenheit fast immer ein sicheres Signal für eine nahende Rezession. Analysten halten dies für derzeit unwahrscheinlich. Allerdings ist der aktuelle US-Wirtschaftszyklus schon sehr weit fortgeschritten und eine Rezession in den kommenden zwei bis drei Jahren wahrscheinlich - dies geht aber über den Zeithorizont der Börsen hinaus. Umso wichtiger ist die Vermeidung eines Handelskrieges, der die Weltwirtschaft schnell in den Abgrund führen würde.

Was heißt dies nun für die Anleger? Vor allem eins: Sie können sich mit dem Einstieg an der Börse bzw mit einer Aufstockung ihrer Positionen Zeit lassen. Die Korrektur im Techsektor dürfte noch nicht ausgestanden sein. Viel wichtiger noch ist die Unsicherheit, wie es für den Welthandel weitergeht. Die Verhandlungen werden sich vermutlich über Monate hinziehen und noch einige Überraschungen bereit halten. US-Präsident Trump spielt nicht mit offenen Karten, was bei einem Pokerspiel keine schlechte Strategie ist. Anders als beim Pokern ist die Weltwirtschaft aber kein Nullsummenspiel - denn hier können alle als Verlierer den Spieltisch verlassen.

Kontakt zum Autor: manuel.priego-thimmel@wsj.com

DJG/mpt/raz

END) Dow Jones Newswires

March 29, 2018 07:34 ET ( 11:34 GMT)

Copyright (c) 2018 Dow Jones & Company, Inc.
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