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Merck: Prognose rauf – Aktie runter

| Quelle: finanztreff | Lesedauer etwa 5 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Der Spezialchemie- und Pharmakonzern Merck KGaA sieht sich mit der Übernahme des US-Halbleiter-Zulieferers Versum bestens für die Zukunft gewappnet. Nachdem der Deal Anfang Oktober unter Dach und Fach gebracht wurde, kurbelte das Management um Konzernchef Stefan Oschmann die Ziele für das laufende Jahr hoch. Am Markt zeigten sich Analysten davon jedoch nicht allzu überrascht, die Aktie rutschte ins Minus. Lobende Worte gab es dennoch für die Geschäftsergebnisse im dritten Quartal.

"Wir setzen unsere Strategie wie geplant um", sagte Oschmann am Donnerstag während einer Telefonkonferenz. Die Strategie trägt bei Merck den Titel "Bright Future" und soll in Form eines Transformationsprogramms dem schleppenden Geschäft mit Spezialmaterialien auf die Beine helfen. Vor allem im Bereich der Flüssigkristalle macht dem Konzern eine wachsende Konkurrenz aus Asien zu schaffen. Die lange unangefochtene Stellung als Weltmarktführer bröckelt.

Künftig mehr Geschäft mit Chips

Abhilfe schaffen soll eine verstärkte Ausrichtung auf die Halbleiter- und Elektronik-Industrie. Weil das Datenvolumen weltweit immer stärker zunimmt, rechnet sich Merck hier große Chancen aus. "Daten entstehen nicht einfach so, sie müssen erzeugt werden", sagte Oschmann. Dazu brauche es viele Dinge, in denen Merck mitmischt, wie etwa Speicherchips oder Bildschirme.

Um die Position in diesem Bereich zu stärken, haben sich die Darmstädter jüngst den US-Halbleiter-Zulieferer Versum sowie den kalifornischen Materialspezialisten Intermolecular einverleibt. Den 5,8 Milliarden Euro teuren Versum-Deal hatten die Unternehmen Anfang Oktober abgeschlossen. Merck geht davon aus, dass die Übernahme im Gesamtjahr 2019 zusätzliche Umsätze von rund 270 Millionen Euro in die Kassen spülen dürfte.

Aktienkurs rutscht ab

Vor dem Hintergrund schraubte der im DAX +0,67% notierte Konzern nun seine Jahresprognose hoch: Die Erlöse sollen demnach auf 15,7 bis 16,3 Milliarden Euro steigen. Zuvor wurden 15,3 bis 15,9 Milliarden Euro angepeilt. Beim um Sonderposten bereinigten Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) erwartet Merck nun 4,23 bis 4,43 Milliarden Euro. Zuvor betrug die Spanne 4,15 bis 4,35 Milliarden. 2018 hatte der Konzern 14,8 Milliarden Euro umgesetzt und operativ 3,8 Milliarden Euro verdient.

Die Merck-Aktie -0,29% schwächelte dennoch. Am Nachmittag lag der DAX-Wert mit einem Tagesminus von 3,4 Prozent sogar am Ende der Standardwerte-Riege. Immerhin konnte die 50-Tage-Linie verteidigt werden (siehe Chart).

Sechs-Monats-Chart Merck KGaA (in Euro)


Ordentliches Umsatz-Wachstum

Im Zeitraum Juli bis September legte der Umsatz um rund acht Prozent auf 4,05 Milliarden Euro zu. Insbesondere trugen erneut die beiden stärksten Standbeine des Konzerns - das Pharmageschäft sowie die Laborsparte - zum Wachstum bei. Hier legten die Erlöse jeweils im zweistelligen Bereich zu.

Im Pharmabereich erwiesen sich etwa die verstärkte Medikamenten-Nachfrage aus China sowie das Multiple-Sklerose-Mittel Mavenclad erneut als verlässliche Treiber. Für Mavenclad hatte Merck erst im Frühling eine lang ersehnte Zulassung in den USA erhalten - im dritten Quartal erzielte der Konzern mit dem Mittel insgesamt 89 Millionen Euro, womit die Schätzungen leicht übertroffen wurden. Der Umsatz mit dem Krebsmittel Bavencio fiel mit 29 Millionen Euro ebenfalls höher aus als gedacht. Beim Multiple-Sklerose-Mittel Rebif gingen die Umsätze dagegen wegen der anhaltend hohen Konkurrenz um etwa 15 Prozent auf 318 Millionen Euro zurück. Die Schwierigkeiten bei dem Mittel waren aber erwartet worden.

Sparten laufen gemischt

Die "Life Science" genannte Laborsparte, die auch aus eigener Kraft zweistellig wuchs, profitierte vor allem wieder von einer starken Entwicklung im Bereich Process Solutions. Hier bietet Merck Dienstleistungen und Produkte rund um die Arzneimittelherstellung an. Was die weitere Entwicklung der Sparte im laufenden Jahr angeht, ist der Konzern nun noch optimistischer geworden: Er geht nun von einem organischen Umsatzplus von 8 bis 9 Prozent aus. Zuvor waren hier 7 bis 8 Prozent angesetzt.

Im Geschäft mit den Spezialmaterialien setzten sich die genannten Probleme fort: Zwar lief es mit den OLED-Materialien, die organische Leuchtdioden verwenden, erneut rund. Bei den Flüssigkristallen für Smartphones und TV-Displays verbuchte Merck jedoch, wie bereits im Vorjahr prognostiziert, Rückgänge. Die Umsätze des Geschäftsbereichs, der auch Fotolacke für Display-Anwendungen umfasst, sanken organisch um gut 15 Prozent. Auch im Halbleiterbereich blieb die Nachfrage wegen einer anhaltenden Marktschwäche hinter den Erwartungen zurück.

Gewinn steigt um gut 15 Prozent

Insgesamt reduzierten sich die Umsätze in der Problemsparte um rund sieben Prozent. Der noch stärkere organische Rückgang von über 10 Prozent konnte durch positive Währungseffekte zum Teil kompensiert werden. Für 2019 rechnet Merck hier im schlimmsten Fall mit einem organischen Umsatzrückgang von sieben Prozent. Ab 2020 soll das Geschäft aber wieder jährlich im Schnitt und aus eigener Kraft zwischen zwei und drei Prozent wachsen, wie es zuletzt auf dem Kapitalmarkttag hieß.

Das bereinigte konzernweite Ebitda kletterte im dritten Quartal auch wegen Kosteneinsparungen noch deutlicher als der Umsatz um mehr als 15 Prozent auf 1,11 Milliarden Euro. Das Wachstum aus eigener Kraft machte dabei 9,8 Prozent aus. Unter dem Strich lag der Gewinn bei 343 Millionen Euro, ein leichtes Plus von 0,8 Prozent zum Vorjahr.

Analysten wie Richard Vosser von der US-Bank JPMorgan sprachen in ersten Einschätzungen zu den Quartalsergebnissen zwar von "starken" Zahlen. Die Prognoseerhöhung war den Experten zufolge aber erwartbar. Optimistischer ist die LBBW. Deren Analysten hoben ihr Kursziel für Merck am Nachmittag von 110 auf 115 Euro an.   (Mit Material von dpa-AFX)

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