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Wann sind Aktien eigentlich billig?

| Quelle: INV | Lesedauer etwa 3 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Mit den immer neuen Rekordständen bei den großen Indizes drängt sich die Frage auf, ob Aktien nicht längst viel zu teuer sind. In der absoluten Betrachtung dürfte die Antwort leicht sein: Ja, im historischen Vergleich sind Aktien ziemlich teuer! In eben jenem historischen Vergleich gab es allerdings noch nie Zeiten, in denen die risikoarmen Alternativen nicht nur keine Zinsen brachten, sondern – zumindest bei Großinvestoren – Geld gekostet haben. Folglich hinkt der Vergleich, stützt aber zugleich die Annahme, dass Korrekturen unausweichlich sind, wenn eben jene Alternativen (sprich: Anleihen oder Bargeld-Haltung) wieder Geld einbringen.

Oder doch nicht? In den USA ist der Markt bezüglich der Zinsen ja schon einen großen Schritt weiter und hier gäbe es bei risikoarmen Anlagen sehr wohl echte Renditen – der Rekordjagd an der Wall Street hat dies bislang aber keinen Abbruch getan. Eigentlich gilt sogar das Gegenteil und US-Aktien gelten mit Blick auf das bei zahlengläubigen Anlegern beliebte KGV sogar als besonders teuer.

Die sehr einfache Kennzahl des Kurs-Gewinn-Verhältnis vergleicht den Gewinn je Aktie mit dem Aktienkurs und kommt so zu der Aussage, wie viele Jahre es dauern würde, um über die tatsächlich erzielten Unternehmensgewinne den Kaufpreis der Aktie wieder hereinzuholen. Allerdings ist dies eine sehr statische Betrachtung, bei der denkbare Gewinnsteigerungen letztlich nicht berücksichtigt werden. Zudem muss dabei stets beachtet werden, auf welcher Basis dieses KGV berechnet wird. Die meisten Ansätze nutzen hierfür die von Analysten erwarteten Gewinne des laufenden oder des kommenden Jahres und beinhalten damit einen gewissen „Glaskugel-Effekt“.

Andere Ansätze nutzen stattdessen die tatsächlich gemeldeten Unternehmensgewinne der letzten vier Quartale – schließlich ist nur Bares auch Wahres. Schwachpunkt bei diesem sogenannten Trailing-KGV ist wiederum, dass es alle unternehmensspezifischen oder zyklischen Verbesserungen ausblendet. Beispiel hierfür sind die großen Ölkonzerne, die in vielen Indizes stark gewichtet sind und damit entsprechend starken Einfluss auf die Indexentwicklungen haben. Wer sich bei diesen allein auf das trailing-KGV verlässt, der kauft die Aktien möglicherweise immer auf dem Höhepunkt einer Öl-Rallye - die bei den Konzernen zu hohen Gewinnen führt - und meidet sie dafür, wenn Ölpreis und Gewinne im Keller sind. Es besteht mithin das unverkennbare Risiko eines sehr prozyklischen Handelns („wenn die letzten vier Quartale schlecht waren, dann sind es bestimmt auch die nächsten vier“).

Ein anderes Problem der reinen Zahlenbetrachtung besteht darin, dass leicht übersehen werden kann, ob es vielleicht gute Gründe für eine moderate Bewertung gibt. Denn in einer anderen Lesart bedeutet ein niedriges KGV ja auch, dass offenbar niemand die Aktien haben will. Eines der extremsten Beispiele hierfür liefert der Hang Seng China Enterprises, der die in Hongkong gelisteten Aktien chinesischer Unternehmen beinhaltet. Mit einem trailing-KGV von 8,8 gehört er zum günstigsten, was die weltweiten Aktienmärkte derzeit hergeben. Bei den großen US-Indizes liegen die entsprechenden Werte laut Bloomberg bei mehr als 21. Dax und Euro Stoxx 50 stehen demnach bei rund 20.

Also alle deutschen, europäischen und amerikanischen Aktien raushauen und mit Haus und Hof in den HSCEI wechseln? Kann sein, dass das funktioniert – allerdings sollte man vorher sehr eindringlich darüber nachdenken, dass der „günstige“ HSCEI zu mehr als 70 Prozent von chinesischen Bank- und Finanzwerten bestimmt wird. Dann darf man noch erwägen, dass eben jene chinesischen Banken von einigen Beobachtern derzeit als eines der größten Risiken der Weltbörsen gesehen werden. Und schließlich ist dann noch zu beachten, dass die vermeintlich günstige Bewertung schon seit geraumer Zeit Bestand hat und momentan nicht ersichtlich ist, warum sich dies unmittelbar ändern sollte.

Ganz so einfach ist das mit dem Malen (und Investieren) nach Zahlen dann vielleicht doch nicht…       

Ralf Andreß

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Investmentecke

Investmentecke Ralf Andreß gehört zu den erfahrensten Zertifikate-journalisten Deutschlands. Als freier Autor berichtet er seit mehr als 20 Jahren über strukturierte Produkte und initiierte bereits 1999 die mehrmals jährlich in "Die Welt" und "Welt am Sonntag" erscheinenden Fachreports zu Derivaten und Zertifikaten. Seit 2004 schreibt er auf Finanztreff.de für die tägliche Börsenkolumne "Investmentecke". Zudem ist er seit 2006 Chefredakteur des von ihm mit ins Leben gerufenen Fachmagazins "Der Zertifikateberater". 2008 wurde er beim erstmals vergebenen Journalistenpreis für die Berichterstattung über Zertifikate vom DDV zum "Journalist des Jahres" gekürt und wurde seither insgesamt vier Mal geehrt. Zuletzt im Jahr 2017 in dem er gemeinsam mit Daniela Helemann den Hauptpreis als „Journalist des Jahres“ erhielt.

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