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Weltneuheit aus Japan: Futures auf Reis

| Quelle: Dirk Hess | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Reis ist in Japan seit jeher ein Grundnahrungsmittel. In früheren Zeiten war er aber auch das mit Abstand wichtigste Wirtschaftsgut des Landes. So entfielen um das Jahr 1700 rund 90 Prozent der Regierungseinnahmen auf die Handelsware Reis. Die Regierung bestand zu dieser Zeit aus dem sogenannten Shogunat. Kopf dieses Konstruktes war der Shogun, darunter standen die Hatamoto. Während der Shogun das Land militärisch führte, waren die Hatamoto (deutsch: Bannerleute) privilegierte Samurai, die dem Shogun als Berater und Verwalter dienten und aufgrund ihrer Position eine besondere Stellung im Reich genossen.

 

Reis-Auktionen als Grundstein für den Terminhandel

Das wirtschaftliche Zentrum stellte im damaligen Japan die Hafenstadt Osaka dar. Reis aus dem ganzen Land wurde dorthin transportiert, gelagert und gehandelt. Im Frühstadium des Reishandels wurden die Waren in der Innenstadt auf Auktionen verkauft. Nach Abschluss des Geschäfts stellten die Verkäufer dem Käufer sogenannte Reisscheine aus, die das Eigentumsrecht verbrieften und die bei Lieferung beglichen werden mussten. Bis zum Liefertermin war es den Käufern freigestellt, die Scheine zu halten oder weiterzuverkaufen. Letzteres machte dann Sinn, wenn der Preis bis zur Lieferung stieg. Allerdings war der Zeitraum zwischen Auktion und Erfüllung vergleichsweise kurz. Im Laufe der Zeit verlängerten sich jedoch die Lieferzeiten und die Händler hatten die Möglichkeit, mit Reis auf Termin zu handeln. Mitte des 17. Jahrhunderts wurden auch sogenannte „Vorauszahlungsscheine“ oder „Leerscheine“ eingeführt. Verkäufer, meistens Samurai in Geldnöten, gaben solche Scheine an Käufer auf der Grundlage von zukünftigen Reisernten aus.

 

In Osaka wird der Future-Handel erfunden

Die eigentliche Leistung der Japaner in der Geschichte der Derivate bestand in der Standardisierung des Terminhandels. Zu diesem Zweck wurde der bislang in der Innenstadt beheimatete Reismarkt auf die zentraler gelegene Flussinsel Dojima im Nordwesten des damaligen Osakas verlagert. Auf diese Weise entstand im Jahr 1697 die Dojima-Reisbörse. Sie gilt als erster Future-Markt der Welt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Terminkontrakten, den Forwards, sind Futures hinsichtlich Liefermenge, Liefergegenstand, Lieferpreis und Lieferzeitpunkt vereinheitlicht. Erst eine solche Standardisierung machte einen regulierten und liquiden Börsenhandel möglich. Die Regeln für den Handel an der Dojima ähnelten bereits denen von modernen Terminbörsen: so gab es z.B. feste Handelszeiten. Außerdem mussten die Teilnehmer als Börsenmitglieder registriert sein. Am letzten Tag des Handelszeitraums – also dem Erfüllungszeitpunkt – mussten alle Positionen in bar oder durch physische Lieferung über eine Clearingstelle ausgeglichen werden. Weiterhin musste jeder Teilnehmer eine Kreditlinie bei einer Clearingstelle eingeräumt haben. Fiel ein Händler aus, übernahm die Clearingstelle dessen Vertragspflichten.

 

Offizielle Anerkennung im Jahr 1730

Seitens der Shoguns wurde der Terminhandel zunächst nicht gerne gesehen. Die Militärführer befürchteten, dass der Reispreis dadurch zu stark steigen könnte und das breite Volk Hunger erleiden müsse. Restriktionen und Verbote von Termingeschäften sollten den Reispreis vor solchen Übertreibungen schützen. Das änderte sich als der Reispreis anfangs der 1720er Jahren um fast 50 Prozent einbrach. Denn nun mussten viele der von den Reiseinnahmen abhängigen Samurais um ihre Existenz fürchten. Aus Rücksicht auf seine Gefolgschaft duldete der damalige Shogun Tokugawa Yoshimune daher ab 1724 stillschweigend – aber nicht offiziell – den Future-Handel mit Reis. Er hegte damit die Hoffnung, dass sich der Reispreis wieder von seinem Tief erholen würde. Vielen Händlern war eine solche stille Duldung aber nicht genug. Sie stellten bei den zuständigen Behörden den Antrag, den Terminmarkt offiziell zu genehmigen. Mit Erfolg. Im Jahr 1730 wurde die Dojima schließlich offiziell als Reisbörse anerkannt.

Etwa zur selben Zeit, als die Japaner den Future erfanden, erblickten am anderen Ende der Welt auch die ersten Optionsscheine das Licht der Welt. Die frühesten nachweisbaren Scheine wurden 1728 von der damals zur Österreichischen Niederlande gehörenden Ostende Kompanie herausgegeben. Heute, knapp 300 Jahre später, gehören Derivate wie Optionsscheine zum Werkzeugkasten eines jeden Traders. Eine Erfolgsgeschichte, zu der auch die Citi beigetragen hat. Vor 30 Jahren emittierte sie in Deutschland den ersten Optionsschein modernen Typs.

 

Lesen Sie auch:

Geschichte der Derivate Teil 1: Mesopotamien – die Wiege der Derivate

Geschichte der Derivate Teil 2: Griechenland – die Philosophie des Tradings

Geschichte der Derivate Teil 3: Italien – der Kaufmann von Venedig

Geschichte der Derivate Teil 4: Niederlande – Geburtsstunde der Aktientrader

 

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Dirk Heß

Dirk Heß Dirk Heß, Finanzexperte der Citi, schreibt regelmäßig zu aktuellen Markt- und Derivate-Themen. Als Co-Head EMEA Public Listed Products Sales & Distribution bei Citigroup Global Markets Europe besitzt er langjährige Expertise in allen Fragen rund um Börse und Investments. In seinem regelmäßigen Kommentar gibt Dirk Heß fundiertes Fachwissen weiter.

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