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Wie würde Deutschland an der Börse bewertet?

| Quelle: Robert Halver (... | Lesedauer etwa 6 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Wie würde Deutschland an der Börse bewertet?

Man stelle sich vor, Deutschland wäre ein börsennotiertes Unternehmen. Wie würde die Deutschland-Aktie wohl bewertet? Welche (wirtschafts-)politischen Kriterien zöge man für ihre Beurteilung heran? Wie würde die Berichtssaison ausfallen? Und wie sähen die Ausblicke auch im Hinblick auf die Bundestagswahl aus? Robert Halver mit seiner Aktienanalyse

Wer politisch zu spät kommt, der bestraft seine Bürger wirtschaftlich und psychologisch

Bei der Berichtssaison der Deutschland-Aktie würde das bisherige Management der Corona-Krise beurteilt. Na ja, Berlin hätte mit Nachdruck mehrere hundert Millionen Impfdosen bei BioNTech ordern müssen. Das Unternehmen hat doch massiv staatliche Hilfe erhalten. Dem Vorwurf von „Impfnationalismus“ wäre leicht zu begegnen gewesen: Nach Abzug des deutschen Bedarfs hätte Berlin den Großteil nach Europa und in die Welt verschenkt. Diese zunächst große finanzielle Belastung hätte sich mit einer schnellen Durchimpfung und entsprechender Öffnung der Wirtschaft zügig bezahlt gemacht. Denn eine Woche Lockdown kostet Deutschland ca. vier Mrd. Euro.

Außerdem wäre es ein kluger politischer Schachzug gewesen. Deutschland hätte Europa in der Pandemie zusammengehalten. Stattdessen werden nun Ungarn und Tschechien mit Impfstoffen aus China und Russland beliefert. Sie werden sich ihre Leistung mit verstärkter Einflussnahme bezahlen lassen.  

Nicht zuletzt hat die deutsche Politik die Zeit im Sommer 2020, als die Infektionszahlen fielen, nicht Eichhörnchen-ähnlich für die konsequente Beschaffung von Masken und Tests genutzt. Jetzt müssen sich die Politiker von einer Notlösung zur nächsten hangeln. Ein Lockdown jagt den anderen. So wird die Psyche der Menschen mit allen auch gesundheitlichen Folgen zertrümmert und werden unzählige Firmenpleiten in Kauf genommen.

Dagegen verzichtet das Management der Deutschland-Aktie, Politiker und Experten, die uns allabendlich mit ihren „frohen“ Botschaften erheitern, auf keinen Cent. Durch ihren zunehmenden Bekanntheitsgrad ergattern sie sogar schöne Honorarvorträge. Sie sind klare Corona-Gewinner.

Übrigens, die uns vorgegebenen Verhaltensmaßnahmen sind oft genug eine Beleidigung für den gesunden Menschenverstand. So steht man in Bus und U-Bahn eng aneinander wie Sardinen in der Dose, doch an der Bushaltestelle müssen Abstandsregeln eingehalten werden. Urlaub auf Malle ist grundsätzlich möglich, aber nicht in Odenwald und Eifel. Und warum haben unmittelbar vor Ostern die Supermärkte nur Karsamstag auf, was zu Massengedränge führt und Infektionen sicher nicht behindert?  

Immerhin bietet die Deutschland-Aktie in der österlichen „Ruhephase“ eine rudimentäre Dividende: Klopapier ist nicht knapp.

Der Vorstand ist nicht nur verantwortlich für das, was er tut, sondern auch für das, was er nicht tut. Es wird zu viel verwaltet und moderiert, zu wenig gestaltet und regiert. Natürlich könnte aus einem Corona-Verlierer auch ein -Gewinner werden. Würde der Impfturbo eingeschaltet, könnte die Deutschland AG zur rund laufenden US- oder Israel-Aktie aufschließen.  

Für die Deutschland-Aktie kommt es vor allem auf den Ausblick an

Die coronale Pleiten, Pech und Pannen-Politik bringt auch die bislang fehlende Digitalisierung zum Vorschein wie die Ebbe den Unrat im Flussbett. Virtuelle Nachverfolgung von Infektionsherden oder technisch fortschrittliche Ausstattung von Gesundheitsämtern? Fehlanzeige!

Und jetzt mal ehrlich: Warum sollten sich in- und ausländische Firmen für den deutschen Standort entscheiden, wenn die digitale Infrastruktur vielfach schlechter als in Angola ist. Warum nach Germany kommen, wenn wir bei Strompreisen als den Arbeitskosten der industriellen Neuzeit tatsächlich um den Weltmeister-Titel spielen?

Geht nach der Bundestagswahl ein Ruck durch die Deutschland-Aktie?

Hört man auf die aktuellen politischen Töne, ist von Restrukturierung allerdings wenig zu hören. Frühere Reformen sollen sogar rückabgewickelt werden. So mancher Bewerber um ein politisches Spitzenamt, der damals noch die Werbetrommel der Effizienzsteigerung gerührt hat, denkt heute: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“. Der Zeitgeist hat sich geändert. Vielleicht sollte man den Bundesadler durch einen anderen Vogel ersetzen, den Wendehals.  

Es gibt tatsächlich politische Kreise, die wider besseren Wissens behaupten, Deutschland sei zu wenig Sozialstaat und es herrsche ein ungezügelter, inhumaner Kapitalismus vor. Hier haben wir es mit einem Musterbeispiel billigster Polemik und Ideologie zu tun. Wo sind wir unsozial?  

Dennoch werden mit viel Schaum vor dem Mund Enteignungsphantasien gespielt, die Moral, Sitte und Fairness herstellen sollen. Hat irgendwann, irgendwo staatswirtschaftlicher bzw. sozialistischer Dirigismus jemals zu Gerechtigkeit für jene geführt, die nicht zum Führungskader gehörten? War die DDR ein gerechter, moralisch einwandfreier Arbeiter- und Bauernstaat?

Staatswirtschaft ist keine bessere Alternative. Steuererhöhungen, staatliche Unternehmensleitung, Verbotspolitik und Innovationsalarm haben noch nie wirtschaftlichen Erfolg gebracht. Welchen Nutzen hat eine Vermögenssteuer, die ausgerechnet die Basis des deutschen Wirtschaftserfolgs und der Arbeitsplatzsicherung bei eigentümergeführten Firmen des Mittelstands trifft, um den uns die ganze Welt beneidet? Zeigt die Staatswirtschaft ihr hässliches Gesicht, wird der Exodus von Unternehmen und damit Arbeitsplätzen zum neuen deutschen Exportschlager.

Statt Sozialneid zu schüren, dass Reiche über Immobilienbesitz und Aktien noch reicher werden, sollte man möglichst viele Bürger über die Abschaffung von administrativen Bauhemmnissen wie z.B. die Freigabe von Wohnflächen wie das Tempelhofer Feld in Berlin und staatliche Förderung des Aktiensparens Teilhabe ermöglichen. Man könnte auch von Volks-Kapitalismus sprechen.

Wenn sich Leistung nicht mehr lohnt, wird auch keine Leistung mehr erbracht

Das Instrument dazu ist die Soziale Marktwirtschaft, die sich am Leistungsprinzip orientiert. Denn nur so lässt sich eine möglichst starke, technisch innovative und wachsende Wirtschaft erreichen. Und erst diese schafft Arbeitsplätze, Wohlstand und macht soziale Leistungen bezahlbar. Für mich ist das ein fairer Deal, der uns übrigens viele Jahrzehnte oben gehalten hat. Doch selbst Partei-Jünger Ludwig Erhards scheinen Erinnerungslücken zu haben. Viele passen sich einfach dem Mainstream an. Tut mir leid, aber nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. 

Es ist doch eine Schnapsidee, die EZB als Big Spender für moralisch einwandfreie, politisch stets korrekte und hemmungslose Staats- und Sozialausgaben zu missbrauchen. Das soll den Bürgern vorgaukeln, dass es auch ohne Anstrengung geht. Doch das macht eine Wirtschaft auf Dauer behäbig, träge und schwächt sie schließlich gegenüber der brutalen Konkurrenz aus Amerika und Asien. Am Ende stehen Wohlfahrtsverluste und fehlende Arbeitsplätze. Das weiß doch jeder Kassenwart eines Kegelclubs.  

Ebenso muss die ohne jeden Zweifel wichtige grüne Wirtschaftswende mit den Werkzeugen der sozialen Marktwirtschaft umgesetzt werden. Bitte kein befehlender, rein ideeller „Öko-Stalinismus“, der uns alle zum Glück zwingen will. De-Karbonisierung darf nicht De-Industrialisierung bedeuten. An Umweltschutz darf man durchaus verdienen und er muss auch Ersatzarbeitsplätze bieten. Überlassen wir bitte nicht auch noch diese Wachstumspotenziale der Konkurrenz.

Wäre Deutschland als Aktie börsennotiert, wäre sie momentan zwar kein Überflieger. Aber man kann sich ja wieder in Richtung sozialer Marktwirtschaft drehen. Kommt aber nach der Bundestagswahl der konsequente Marsch in die Staatswirtschaft, bekommt der Begriff Aktien-Crash eine ganz neue Bedeutung. Und von Dividende brauchen wir dann erst gar nicht zu sprechen.

https://www.roberthalver.de/Spezial-384?channel_id=14&blog_id=554
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Robert Halver

Robert Halver Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG und berichtet in seinem wöchentlichen Newsletter mit klarer Sprache über die Entwicklungen an den Finanzmärkten. Mit speziellem Fokus auf Aktien erhalten Anleger eine fundierte Analyse der marktbewegenden Ereignisse und eine meinungsstarke Einschätzung der Börsensituation, immer auch vor dem Hintergrund der politischen Großwetterlage.

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