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wikifolio-Zertifikate: Vor- und Nachteile der neuen Risiko-Kennzahl

| Quelle: INV | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Neben dem gestern beschriebenen „maximalen Verlust“ hat wikifolio.com vor kurzem noch eine weitere Kennzahl zur Einschätzung der Risiken eines wikifolios eingeführt. Der so genannte Risiko-Faktor soll das Kursschwankungsrisiko der einzelnen wikifolios im Vergleich zu der durchschnittlichen Volatilität aller im Euro Stoxx 50 enthaltenen Aktien anzeigen. Ein Risiko-Faktor von 1,0 gilt dabei als Maßstab. Werte darunter lassen eine geringere Volatilität erwarten, während man bei Werten darüber mit höheren Schwankungen rechnen sollte. So ist zumindest die Überlegung, die hinter dieser Kennzahl steckt.

Im Detail werden zur Berechnung des Risiko-Faktors die Kovarianzen der jeweils im wikifolio enthaltenen Wertpapiere ermittelt, wobei deren Wertentwicklung der vergangenen zwei Jahre zugrunde gelegt wird. Ausschlaggebend sind allerdings nur die täglichen Schlusskurse, so dass Intraday-Schwankungen außen vor bleiben. Laut wikifolio.com zeigt der Risiko-Faktor Veränderungen bei den zu erwartenden Schwankungen relativ schnell an, weil die Kennzahl bei jeder Umschichtung im wikifolio neu berechnet wird. Diese Aussage gilt allerdings nur bedingt. Angezeigt wird nämlich immer der höchste Wert der vergangenen 200 Tage. Über die erwartete Volatilität des aktuellen Portfolios sagt der Risiko-Faktor also nicht zwingend etwas aus. Auch das zu erwartende Risiko der gesamten Handelsstrategie wird so nicht angemessen dargestellt.

Deutlich wir das zum Beispiel anhand des einzigen hoch kapitalisierten wikifolios (investiertes Kapital > 1 Mio. Euro) mit einem Risiko-Faktor, der größer als 2 ist. Dabei handelt es sich um das wikifolio „PLATOW Trend & Sentiment“, das passenderweise von dem Autor dieses Artikels betreut wird, wodurch verlässliche Daten vorliegen. Die überdurchschnittlich hohen Schwankungserwartungen (Risiko-Faktor von 2,3) resultieren wahrscheinlich daher, dass das wikifolio zeitweise zu 100 Prozent in einem dreifach gehebelten Dax-ETF investiert war. Zu diesem Zeitpunkt musste logischerweise mit klar höheren Schwankungen gerechnet werden. Mittlerweile ist der Depotanteil dieses Hebelproduktes aber längst auf gut 30 Prozent reduziert worden, so dass das Risiko aktuell dem eines Produktes ähnelt, welches den Dax eins zu eins widerspiegelt.

Ein Blick in die Historie des vor acht Monaten aufgelegten wikifolios zeigt, dass eine vergleichbare Zusammensetzung des wikifolios in gut der Hälfte der Zeit vorlag. Nur in gut einem Drittel der gesamten Phase wurde tatsächlich dreifach gehebelt auf den Dax gesetzt. Den Rest der Zeit (13 Prozent) bestand das Portfolio sogar zu 100 Prozent aus Cash. Die durch den Risiko-Faktor getroffene Aussage, das bei diesem wikifolio in Zukunft mehr als doppelt so starke Kursschwankungen wie beim Durchschnitt der 50 Euro Stoxx-Aktien zu erwarten sind, darf vor diesem Hintergrund zumindest angezweifelt werden.

Auch im Segment der laut Risiko-Faktor extrem risikoarmen wikifolios gibt es Auffälligkeiten, welche die Problematik bei der Bewertung dieser Kennzahl aufzeigen. So findet sich hier zum Beispiel ein seit dem Start vor fünf Jahren mit 28 Prozent im Minus liegendes wikifolio, das laut Handelsidee „nur Aktien und ETF aus Renewable Energy und zum größten Teil Windenergy“ erwerben will. Ganz konkret wurden hier in den vergangenen Jahren vor allem die nicht gerade als schwankungsarm bekannten Aktien von Nordex, PNE Wind und Wacker Chemie sowie ein 4-fach gehebelter Dax-ETN gehandelt. Die Nordex-Aktie, die sich seit Jahresbeginn fast gedrittelt hat, ist mehrfach mit über 90 Prozent in dem wikifolio gewichtet worden. Ende Februar verlor das wikifolio genau deshalb innerhalb eines Tages fast 30 Prozent an Wert. Der maximale Verlust betrug bislang sogar 46 Prozent. Trotzdem hat dieses wikifolios nur einen Risiko-Faktor von 0,04 und besitzt damit laut der Kennzahl in Zukunft minimalste Risiken. Mit Blick auf die aktuelle Depotzusammensetzung stimmt das sogar, da seit Ende März kein Trade mehr eröffnet wurde und das wikifolio seitdem zu 95 Prozent aus Cash besteht. Aber ist die Handelsstrategie und damit das wikifolio deshalb wirklich fast ohne Risiken?

Die Idee einer zusätzlichen Risikokennzahl ist sicher nicht verkehrt. Die Darstellung des Höchstwertes der vergangenen 200 Tage und die grundsätzliche Begrenzung des überprüften Zeitraums dürfte in vielen Fällen aber zu zweifelhaften Ergebnissen führen, wie wir allein anhand der zwei genannten Beispiele gesehen haben. Allerdings ist es tatsächlich auch unheimlich schwer, eine wirklich sinnvolle und nutzwertige Risikokennzahl zu berechnen. Positiv ist auf jeden Fall, dass zumindest im zweiten Beispiel eine Wiederaufnahme der bisherigen Trading-Aktivitäten sofort zu einem deutlich steigenden Risiko-Faktor führen würde, worüber sich Anleger per Alarm-Funktion auch informieren lassen können. Grundsätzlich scheint uns der bisherige maximale Verlust in Kombination mit der Performance aber die aussagekräftigere Risiko-Kennzahl zu sein, weil hier der gesamte Zeitraum berücksichtigt wird, in dem die Trader ihre Strategie in dem wikifolio gehandelt haben. Zudem sollten Investoren immer auch einen Blick in die öffentlich einsehbare Trade-Historie werfen, um einen genaueren Eindruck zu gewinnen, ob und wie die Handelsstrategie umgesetzt und die bisherige Performance erzielt wurde.

Thomas Koch

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LUS Wikifolio-Index PLAT  open end (L&S) - Performance (3 Monate) 92,60 -0,01%
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Investmentecke Ralf Andreß gehört zu den erfahrensten Zertifikate-journalisten Deutschlands. Als freier Autor berichtet er seit mehr als 20 Jahren über strukturierte Produkte und initiierte bereits 1999 die mehrmals jährlich in "Die Welt" und "Welt am Sonntag" erscheinenden Fachreports zu Derivaten und Zertifikaten. Seit 2004 schreibt er auf Finanztreff.de für die tägliche Börsenkolumne "Investmentecke". Zudem ist er seit 2006 Chefredakteur des von ihm mit ins Leben gerufenen Fachmagazins "Der Zertifikateberater". 2008 wurde er beim erstmals vergebenen Journalistenpreis für die Berichterstattung über Zertifikate vom DDV zum "Journalist des Jahres" gekürt und wurde seither insgesamt vier Mal geehrt. Zuletzt im Jahr 2017 in dem er gemeinsam mit Daniela Helemann den Hauptpreis als „Journalist des Jahres“ erhielt.

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