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Wirecard: So geht's nach dem AR-Chefwechsel weiter

| Quelle: finanztreff | Lesedauer etwa 5 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Der unter Druck stehende Zahlungsdienstleister Wirecard hat am Wochenende vorzeitig seinen Aufsichtsratschef ausgetauscht. Der bisherige Oberkontrolleur Wulf Matthias räumt den Chefsessel mit sofortiger Wirkung für Thomas Eichelmann, der zuletzt den Prüfungsausschuss im Gremium leitete, wie das Unternehmen in der Nacht zum Samstag mitteilte (finanztreff.de berichtete).

Matthias war seit 2008 Mitglied und Vorsitzender des Aufsichtsrats. Eichelmann war erst auf der Hauptversammlung vergangenes Jahr bestellt worden. Bis zum Ende seiner Amtszeit im Sommer 2021 werde er dem Aufsichtsrat als gewöhnliches Mitglied angehören, hieß es weiter. Begründet wurde das Vorgehen mit dem Wunsch des 75-Jährigen, einen Generationenwechsel einzuleiten.

Allerdings hatte es auch deutliche Kritik von Investoren an der Arbeit der Aufseher gegeben. Derzeit läuft eine Sonderprüfung der Bücher durch die Wirtschaftsprüfer von KPMG. Regulärer Buchprüfer bei Wirecard ist EY. Wirecard hatte sich zu dem Schritt entschlossen, um immer wieder aufkeimende Medienberichte um angebliche Unregelmäßigkeiten bei der Bilanzierung zu entkräften.

Mit dem Machtwechsel im Aufsichtsrat rückt nun ein langjähriger Gefährte von Wirecard-Vorstandschef Markus Braun bei der Steuerung des wachstumsstarken Konzerns in die zweite Reihe.

Am Montag-Vormittag stieg der Kurs der Wirecard-Aktie +0,93% um knapp drei Prozent und war damit bester DAX-Wert. Der Kurs kämpft seit Jahresanfang mit dem gleitenden, für den Kurzfrist-Trend wichtigen 50-Tage-Durchschnitt, der aktuell bei 114,36 Euro verläuft.

Ein Händler sagte, Eichelmann dürfte Braun als Aufsichtsratschef mehr Paroli bieten. Matthias' Beziehung zu Braun sei von einigen Investoren als zu eng angesehen worden, schrieb Analyst Wolfgang Specht vom Bankhaus Lampe. Eichelmann sei Experte für Buchführung und Prüfung. Der 1965 geborene Manager war in früheren Funktionen unter anderem Finanzchef der Deutschen Börse AG während der Finanzkrise vor rund zehn Jahren. Zuletzt hatte er den Vermögensverwalter Aton geleitet.

Sechs-Monats-Chart Wirecard (in Euro)


Derzeit notiert die Wirecard-Aktie bei gut 114 Euro - weit entfernt vom Rekordhoch aus dem September 2018 zur Zeit des DAX-Aufstiegs -0,43% bei 199 Euro. Im vergangenen Jahr war das Papier mit einem Minus von knapp einem Fünftel größter Verlierer im deutschen Leitindex.

In den Jahren zuvor hatte das Wachstum der Branche und des Konzerns den Kurs aber stark nach oben getrieben. Noch Ende 2016 pendelte der Wirecard-Kurs um die 40 Euro. Mit einem Börsenwert von rund 14 Milliarden Euro ist Wirecard derzeit rund zwei Milliarden weniger wert als das größte deutsche Geldhaus, die Deutsche Bank +1,52%.

Die US-Bank JPMorgan hat die Einstufung für Wirecard +0,93% nach dem Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats auf "Neutral" mit einem Kursziel von 165 Euro belassen. Analyst Sandeep Deshpande wertete den Wechsel in einer ersten Reaktion positiv angesichts der Erfahrungen des neuen Chefs des Kontrollgremiums. Allerdings müsse der Bezahldienstleister nun Details der Untersuchungen des Wirtschaftsprüfers KPMG veröffentlichen. Das Unternehmen müsse vor allem die Bedingungen mitteilen, unter denen KPMG die Untersuchungen vornimmt. Andernfalls dürften sich die Pessimisten mit Blick auf die gegen Wirecard erhobenen Vorwürfe nicht zufrieden geben.

Wirecard steht seit geraumer Zeit unter Beschuss. Vor allem die britische Financial Times (FT) veröffentlicht rund um das Unternehmen aus Aschheim bei München seit Längerem kritische Berichte. Vor einem knappen Jahr sorgte ein Artikel zu Unregelmäßigkeiten und möglichen Scheinbuchungen in Singapur dafür, dass der Aktienkurs binnen weniger Tage um fast die Hälfte bis auf den Tiefstand 86 Euro abstürzte.

Wirecard musste nach der Prüfung durch eine beauftragte Anwaltskanzlei kleinere Buchungsfehler wegen "Qualitätsmängeln" einräumen, sah sich aber vom Vorwurf systematischer Falschbuchungen entlastet. Nach neuerlichen Vorwürfen in der britischen Wirtschaftszeitung zu angeblichen Scheinbuchungen bei Töchtern in Dubai und Irland hatte Wirecard die Sonderprüfung der Bilanzen eingeleitet. Laut Finanzchef Alexander von Knoop dauert die Sonderprüfung bis voraussichtlich Ende des ersten Quartals 2020. Danach sollen die Ergebnisse in einem Bericht veröffentlicht werden.  (Mit Material von dpa-AFX)

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