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Der Herbst

| Quelle: Hans A. Berneck... | Lesedauer etwa 3 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Zu jedem Herbst gehören kritische Situationen und neue Perspektiven. Das ist fast zu 100 % in jedem Jahr der Fall. Diesmal geht es um drei Fälle aus unterschiedlichen Gründen und mit ebenso unterschiedlichen Perspektiven. Welche sind die weitsichtigsten Perspektiven?

Die amerikanische Geldpolitik ist ein altes Thema. Darauf herumzureiten, reicht nicht. Alles ist gesagt, aber über die Wirkungen herrscht große Unklarheit. Eine ganze Generation von Analysten und anderen Experten können weder mit dem Thema Inflation noch mit dem einer Zinswende umgehen. Einfach deshalb, weil sie es noch nicht erlebt haben. Die aktuellen Zahlen für die Erzeugerpreise liegen lt. Statistischem Bundesamt fast exakt auf dem Niveau von 1974. Damals infolge der Ölkrise, die bekanntlich völlig überraschend kam, und diesmal infolge der Coronakrise mit gleichem Grund. In den Erzeugerpreisen steckt der tiefere Grund einer inflationären Entwicklung. Nämlich der Ansatz zu der berühmten Lohn-Preis-Spirale. Wer sich an diese Jahre erinnert, weiß, wie sich ein Trend aufbaut. Nämlich schrittweise, wenig spektakulär, aber dauerhaft. Damit werden die Notenbanken noch zu tun haben.

Ob die amerikanische Fed jetzt oder in einigen Wochen den Geldhahn vorsichtig zudreht, ist nicht so gewichtig, aber auch hier wirksam. Natürlich kann sie den Geldhahn nicht plötzlich abdrehen und die Zinsen nicht abrupt anheben. Daraus würden immer technische Einbrüche in den Märkten entstehen. Das geht auch deshalb nicht, weil sich ebenfalls seit über 12 Jahren umfangreiche Portfoliostrategien aufgebaut haben, die deutlich zu verändern sind. Also kommt es darauf an, dies vorsichtig anzugehen, aber wirksam bleibt es dennoch. Auf die Einzelheiten bin ich gelegentlich schon eingegangen. Die Ergänzung ist wenig bekannt: Die amerikanische Staatsverschuldung von 130 % des BIP ist die höchste in der amerikanischen Geschichte, aber mit den Europazahlen nicht vergleichbar. Lt. seriösen Berechnungen könnten die Amerikaner diese Verschuldung allein dadurch in etwa 10 Jahren total auf null zurückfahren, wenn sie ihre bisherigen Handelssteuern auf das europäische Modell der Mehrwertsteuer umstellen. Sie würden etwa 14 % benötigen, um die besagten Schulden zurückzufahren. In Europa liegt der Mehrwertsteuersatz deutlich höher, im Schnitt um 18 bis 20 %. Also: Auf die Relationen kommt es an. In diesem Falle nicht auf den Staat, sondern auf die Investoren.

Der chinesische Schreck sieht ähnlich aus. Evergrande ist ein Fall so ähnlich wie Lehman, aber nur bedingt vergleichbar. Doch das Muster ist das gleiche: Am Ende einer sehr großen und langen Hausse im dortigen Immobilienmarkt fällt am Ende irgendeiner um, der sich verspekuliert hat. 300 Mrd. $ Schulden werden herumgereicht. Im Verhältnis zum Bauvolumen dieses Immobilienkonzerns sind es etwa 8 – 9 %, und zwar an der bekannten Schwachstelle der sogenannten Zwischenfinanzierungen für den Aufbau von Eigentumswohnungen. Denn dazu gehört eine Anfangs-, eine Zwischen- und eine Endfinanzierung. Die Zwischenfinanzierung ist deshalb die schwierigste, weil sie nach Baufortschritt valutiert, wie jeder weiß, der mit Eigentumswohnungen zu tun hat.

Auf weitere Einzelheiten ist nicht einzugehen, es geht um die Perspektiven. Mit dem Fall Evergrande wird der chinesische Bauboom mit Sicherheit eingegrenzt oder übersichtlicher weiterentwickelt. Das funktionierte in Deutschland und in den USA nach Lehman gleichfalls. Allerdings mit der Schwachstelle: Der amerikanische Immobilienmarkt hat mit dem billigen Geld der letzten Jahre eine Höhe erreicht, sowohl im Volumen wie in den Preisen, die unweigerlich zu Bremsmanövern führen muss. Das ist erneut die aktuelle Schwachstelle für die Amerikaner.

Herbststürme sind schwer zu kalkulieren. Es reicht, darauf vorbereitet zu sein. Das Beste ist dafür eine Barreserve bis ca. ein Drittel, um auf jeden Fall handlungsfähig zu sein.

Ihr

Hans A. Bernecker

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Hans A. Bernecker

Hans A. Bernecker Hans A. Bernecker ist das Urgestein der dt. Börse. Seit grob sechs Jahrzehnten bietet der Nationalökonom Orientierung bei der Markteinschätzung und der Ableitung von Investmentchancen. Neben seinem Informationsdienst "Die Actien-Börse" stehen diverse Börsenbriefe aus seinem Redaktionsteam. Charakteristisch ist sein Mut, bei Bedarf gegen den Meinungsstrom zu schwimmen. Dabei kommt ihm nicht nur sein langjähriger Erfahrungsschatz zugute, sondern auch unzählige persönliche Kontakte, die ihm besonders intime Einblicke ermöglichen.

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