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Geschichte der Derivate Teil 3: Italien – der Kaufmann von Venedig

| Quelle: Dirk Hess | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Derivate sind keine Erfindung der Neuzeit. Ihr Einsatz reicht Tausende von Jahren zurück. Gehen Sie mit uns auf Zeitreise und erkunden Sie in einer mehrteiligen Serie die spannende Geschichte der Derivate.

Heute: Wie ehrgeizige italienische Kaufleute im Mittelalter Handel, Finanzinstrumente weiterentwickelten und Profite maximierten.

Im Mittelalter erlebten Handel und Warenverkehr eine bis dahin nie gekannte Blüte. Damals entstand in italienischen Stadtstaaten wie Vendig, Mailand, Genua oder Florenz der sogenannte „Kaufmannskapitalismus“. Insbesondere die Republik Venedig tat sich dabei hervor. Nirgendwo im Abendland wurden um 1400 nach Christus so viele Waren umgeschlagen wie auf dem Rialto. So heißt die am Westufer des Canal Grande gelegene Insel, die damals als das abenländische Finanz- und Handelszentrum schlechthin galt. Im Auftrag des venezianischen Senats, aber auch in Eigenverantwortung steuerten venezianische Koggen auf streng regulierten Handelsrouten nahe und ferne Handelsziele an. Von Brügge über London bis hin zu Konstantinopel, Akkon, Tunis oder Alexandria – um nur einige Destinationen zu nennen. Ging alles glatt, kehrten die Schiffe reich beladen nach Hause zurück. Im Gepäck seltene Gewürze, wertvolle Stoffe, Pelze oder edler Schmuck. Aber auch weniger wertvolle Massengüter wie Weizen, Salz, Wein, Käse oder Feigen landeten zum Weiterverkauf in der Lagunenstadt. Dank des profitalben Handels stieg Venedig damals zur reichsten Stadt der Welt auf.

 

Makaberer Deal um „ein Pfund Fleisch“

Die Zunft der venezianischen Kaufmänner war für ihre Handelsaktivitäten so berühmt, dass ihnen sogar der große William Shakespeare in seinem Werk „Der Kaufmann von Venedig“ ein Denkmal setzte. Darin erzählt der Dichter die Geschichte vom Kaufmann Antonio, der einem guten Freund bei der teuren Brautwerbung finanziell unter die Arme greifen wollte. Das Problem: Antonios eigene Mittel reichten dazu nicht aus. Also borgte dieser sich die fehlende Summe beim Geldverleiher Shylock. Der war sogar bereit, auf Zinsen zu verzichten, allerdings nur, wenn Antionio das geliehene Geld rechtzeitig zurückzahlt. Falls nicht, so die Vereinbarung, habe Shylock Anspruch auf „ein Pfund Fleisch“ aus Antonios Körper. In der Überzeugung, dass seine Handelsschiffe, schon bald reich beladen nach Venedig zurückkehren, stimmte Antonio dem durchaus makaberen Deal zu. Umso größer der Schock, als die Nachricht eintraf, dass die Schiffe offensichtlich verloren gegangen sind. Dass die Geschichte dennoch ein „Happy End“ findet, liegt an der Gewitztheit der umworbenen Braut, die nun als Rechtsbeistand in Erscheinung tritt. Ihre Argumentation: Zwar habe Shylock vertragsgemäß Anspruch auf Antonios Fleisch, nicht aber auf dessen Blut. Folglich dürfe beim Herausschneiden kein Tropfen Blut vergossen werden. Geschieht dies dennoch, so drohe ihm nach venezianischem Gesetz die Todesstrafe. Geschlagen und verbittert macht sich Shylock aus dem Staub.

 

Not macht erfinderisch

Als Schlusspointe lässt Shakespeare die verloren geglaubten Schiffe Antonios doch noch im Hafen Venedigs einlaufen. In der damaligen Wirklichkeit war ein solch glückliches Ende einer Handelsmission keineswegs gewiss. Häufig havarierten die Galeeren infolge von Stürmen. Oder sie wurden Opfer von Piratenattacken oder Kriegswirren. Damals wurden Interessens- oder Handelskonflikte zwischen italienischen Handelsmetropolen in der Regel mit Waffengewalt ausgetragen. Um im Geschäft zu bleiben, mussten sich die Händler also stets etwas etwas Neues einfallen lassen. Um das Risiko der riskanten Handelsfahrten zu reduzieren, schlossen sich wohl schon ab dem 10. Jahrhundert italienische Kaufleute über kommerzialle Partschaftsverträge zu sogenannten Kommendas zusammen. Dabei brachten ein oder mehrere Partner das Geld auf, während der oder die anderen für die Durchführung der Handelsmission zuständig waren. Für Experten stellen viele dieser Verträge eine Form von Warentermingeschäft dar, da der Finanzier im Austausch des investierten Kapitals zustimmt, dass der für die Ausführung verantwortliche Partner bestimmte Waren erwirbt, die zu einem späteren Zeitpunkt geliefert werden.

 

Verkauf von Staatseinnahmen auf Termin

In die Blütezeite des italienischen Kaufmannskapitalismus fällt auch die Ausgabe von sogenannten Monti-Aktien. Sie wurden von italienischen Handelsstädten ausgegeben, um Geld für Investitionen einzusammeln. Die Investoren erhielten im Gegenzug das Recht, an zukünftigen Staatseinnahmen beteiligt zu werden. Monti-Aktien konnten gehandelt werden und manchmal dienten sie sogar anstelle von Bargeld als Zahlungsmittel für Waren oder Dienstleistungen. Aufgrund ihrer Fungibiliät gelten Monti-Aktien heute als wichtiger Meilenstein in der Entwicklung von Terminmärkten.

 

Lesen Sie auch:

Geschichte der Derivate Teil 1: Mesopotamien – die Wiege der Derivate

Geschichte der Derivate Teil 2: Griechenland – die Philosophie des Tradings

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Dirk Heß

Dirk Heß Dirk Heß, Finanzexperte der Citi, schreibt regelmäßig zu aktuellen Markt- und Derivate-Themen. Als Co-Head EMEA Public Listed Products Sales & Distribution bei Citigroup Global Markets Europe besitzt er langjährige Expertise in allen Fragen rund um Börse und Investments. In seinem regelmäßigen Kommentar gibt Dirk Heß fundiertes Fachwissen weiter.

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