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ROUNDUP: Nur wenige Arbeitnehmer nutzen Bildungsurlaub

ROUNDUP: Nur wenige Arbeitnehmer nutzen Bildungsurlaub

1.1.2026 14:35:02 | Quelle: dpa | Lesedauer etwa 4 min.

BERLIN (dpa-AFX) - Nur wenige Arbeitnehmer in Deutschland nehmen Bildungsurlaub etwa zur beruflichen oder politischen Weiterbildung. Das geht aus einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter den zuständigen Ministerien und Verwaltungen in den 16 Bundesländern hervor. Demnach liegt die Quote der Menschen, die Bildungsurlaub in Anspruch nehmen, in manchen Bundesländern unter einem Prozent der Anspruchsberechtigten, in anderen nur knapp darüber.

Bildungsurlaub wird in 14 von 16 Bundesländer gewährt, in Sachsen ist eine Einführung geplant. Nur in Bayern gibt es weder Bildungsurlaub noch Pläne für eine Einführung. Der Anspruch beläuft sich meist auf fünf Tage pro Jahr, in einigen Ländern können die Ansprüche aus zwei Jahren zusammengelegt werden.

Manche Bundesländer schützen Unternehmen mit Quotenregeln

In der Zeit des Bildungsurlaubs wird der Lohn für gewöhnlich weiter gezahlt - was in der Wirtschaft immer wieder für Kritik sorgt. In vielen Bundesländern gibt es daher Regelungen, damit nicht zu viele Arbeitnehmer aus einem Unternehmen innerhalb desselben Jahres Bildungsurlaub nehmen können.

Die Quellenlage zur Teilnahme ist schwierig, weil nicht in allen Ländern gleichermaßen Zahlen erhoben werden. Aufschlussreich sind unter anderem die Werte aus Niedersachsen und Hessen: In Niedersachsen nahmen im Jahr 2023 1,45 Prozent der Anspruchsberechtigten Bildungsurlaub, wie das Wissenschaftsministerium mitteilte - ein im Ländervergleich hoher Wert.

In Hessen lag die Quote dagegen bei nur 0,68 Prozent. Einen ähnlichen Wert meldete das Land Schleswig-Holstein mit einer Quote von 0,63 Prozent im Jahr 2024. In Niedersachsen und Hessen sind Beamte nicht eingerechnet, in Schleswig-Holstein haben sie aber Anspruch auf Bildungsurlaub.

In Rheinland-Pfalz nutzten in den Jahren 2023 und 2024 zusammen 1,8 Prozent das Angebot (inklusive Beamte). In Sachsen-Anhalt waren es in den Jahren 2020 bis 2023 1,7 Prozent (keine Beamte) - etwas mehr als im Zeitraum 2016 bis 2019 (1,44 Prozent).

Experte: Deutschland bei Weiterbildung international mit Rückstand

"Obwohl es den Bildungsurlaub bereits seit den 1970er Jahren gibt, fristet er bis heute eher ein Nischendasein", sagt der Arbeitsmarktexperte Ulf Rinne vom Institut zur Zukunft der Arbeit. Auch darüber hinaus sei Deutschland beim Thema Weiterbildung im internationalen Vergleich im Rückstand. "In anderen Ländern nehmen teils deutlich mehr Menschen an Weiterbildungsmaßnahmen teil", sagt Rinne. Die Weiterbildungsbeteiligung sei in Deutschland sogar tendenziell rückläufig.

"Ein Teil des Problems dürfte darin liegen, dass die deutsche Weiterbildungslandschaft durch eine Vielzahl konkurrierender Angebote und Förderinstrumente geprägt ist", meint der Experte. Die Folge seien fehlende Transparenz und eine unübersichtliche Informationslage
- eine der größten Hürden sowohl für Beschäftigte als auch für
Unternehmen. Unstrittig sei aber, dass der Weiterbildungsbedarf hoch sei und weiter zunehme.

Weiterbildungsangebote werden in Deutschland weniger genutzt

Die Zurückhaltung in Deutschland beim Thema Weiterbildung zeigen auch einige Studien: "Im Jahr 2022 haben in Deutschland rund 8 Prozent der 25- bis 64-Jährigen an einer Bildungs- oder Weiterbildungsmaßnahme teilgenommen", teilte das Statistische Bundesamt vor zwei Jahren mit. Im Schnitt der EU-Mitgliedstaaten waren es demnach zwölf Prozent.

In einer Befragung der Bertelsmann-Stiftung sagten kürzlich rund die Hälfte der Befragten, dass sie sich in den nächsten zwölf Monaten weiterqualifizieren wollten. Viele derjenigen, die zurzeit kein Interesse an beruflicher Weiterbildung zeigen, gaben an, darin keinen Nutzen zu sehen: Knapp ein Drittel sagten beispielsweise, dass sie dadurch kein höheres Gehalt erwarten.

"Besonders schwer über Weiterbildung zu erreichen, sind zwei Gruppen: ältere Beschäftigte und Geringqualifizierte", sagt Rinne. "Langfristig braucht Deutschland eine deutlich gestärkte Weiterbildungskultur. Weiterbildung sollte selbstverständlicher Bestandteil einer "normalen" Erwerbsbiografie werden, und die regelmäßige Teilnahme an berufsbezogenen Bildungsaktivitäten müsste somit zum Regelfall werden."

Beim konkreten Fall des Bildungsurlaubs geht Rinne davon aus, dass das Angebot nicht allzu bekannt sei. "Kurzfristig ließe sich hier ansetzen, indem der Bildungsurlaub stärker kommuniziert und - bei klarem Bezug zur beruflichen Tätigkeit - auch finanziell besser unterstützt wird", sagt der Experte. In der Regel müssen die Beschäftigten die Teilnahme an den Bildungsurlaubsprogrammen selbst zahlen.

Was alles als Bildungsurlaub zählt

Doch was können Arbeitnehmer alles im Bildungsurlaub unternehmen? Das anerkannte Angebot ist vielfältig und reicht von Sprachkursen über politische Bildungsveranstaltungen bis hin zu mehrtägigen Yoga-Kursen und anderen Techniken zur Stressbewältigung. Ein Zusammenhang zum Beruf ist in der Regel nicht zwingend nötig.

Die Teilnahme an den Kursen ist verpflichtend und das Programm muss tagesfüllend sein. Dennoch gibt es immer wieder Kritik vor allem aus der Wirtschaft, dass beim Bildungsurlaub der Urlaubsanteil größer sei als das Bildungsziel.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete vor Kurzem, dass vor allem junge Menschen zwischen 25 und 34 Jahren Bildungsurlaub in Anspruch nehmen. Die Zeitung bezog sich dabei auf Daten der Webseite bildungsurlauber.de, über die Interessierte Bildungsurlaubsangebote buchen können. Demnach nahmen 2024 rund eine Million Menschen in Deutschland Bildungsurlaub./nif/DP/zb