Die lange Tanzkarte
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Die lange Tanzkarte
21.01.2026 / 09:00 CET/CEST
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Die lange Tanzkarte
Kapitalmarkt-Standpunkt von Kai Jordan, Vorstand der mwb
Wertpapierhandelsbank AG
Wer heutzutage Standpunkte wie diesen hier schreibt, sollte nicht zu früh
anfangen, denn die Ereignisse überschlagen sich schneller, als man ein
Dokument abspeichern kann. Und ja, wir sollten eigentlich zu relevanten
Themen im Bereich der KMU-Unternehmen schreiben anstatt zur Geopolitik, aber
das hängt doch alles miteinander zusammen: Geostrategisches, Zinsentwicklung
etc. Leser hier wissen ohnehin schon länger, was auf "uns" (Europa) zukommt:
https://www.bondguide.de/topnews/mwb-kapitalmarkt-standpunkt-maga-ist-nicht-mega/
Haben wir uns damals gefragt, ob die Beschreibung des Präsidenten der
Vereinigten Staaten nicht zu despektierlich ist, so müssen wir konstatieren:
"Es kam schlimmer." Dennoch müssen wir uns damit befassen, denn der
"Allmächtige" im Weißen Haus hat ja nun einige Tanzrunden eröffnet, und die
Frage stellt sich dem gespannten Beobachter, ob dies gut gehen kann.
Jedenfalls scheinen sich die Staaten der EU zu einer Reaktion nach dem
"Anti-Coercion-Instrument" einigen zu wollen und bitten womöglich zum Tanz.
Ob dies nach der Veröffentlichung dieses Standpunktes gelingt, die
europäische Super-Bazooka auszupacken, muss man mit höchster Spannung
beobachten. Hier gabelt sich der europäische Weg. Obwohl Trump die
italienische Rechtsaußen-Nudel mit einem Nudel-Zoll-Deal einfangen wollte,
hat sie zu unserer Überraschung dem Mercosur-Abkommen zwischen der EU und
Südamerika doch zugestimmt. Über Viktor Orbán machen wir uns keine Gedanken
mehr. Aber: Neben Italien steht auch Polen nicht auf Batmans neuester
Zolldrohung. Zwischenzeitlich merken auch die selbsternannten Alternativen,
dass das Gebuckel vor dem vermeintlichen "Boss der autokratisch regierten
Wunschwelt" vielleicht eher in Richtung Verrat geht, als dass es eine
zielführende Strategie sein kann. Wir selbst schreiben und träumen ja seit
Langem von mehr Europa, wenngleich doch von einem stark reformierten.
Aber die Europäer haben noch viel mehr "im Köcher". Die gesamte Industrie
für Hochleistungschips baut diese nach unserem Verständnis auf Maschinen des
holländischen Herstellers ASML. ASML liefert die Schlüsseltechnologie
(EUV-Lithografie) für die Produktion von fortschrittlichen 3-nm- und
5-nm-Chips, die mit speziellen NXE-Systemen wie dem NXE:3600D hergestellt
werden.
Wir haben keine Ahnung von den vertraglichen Verpflichtungen - aber diese
scheren ja die handelnden Personen jenseits des Atlantiks auch nicht. Mit
einem Lieferstopp wäre der ganze Zirkus rund um das Thema Künstliche
Intelligenz erst einmal in der Winterpause. Dies hätte massive Auswirkungen
auf die Kapitalmärkte, da die stark inflationierten Aktivitäten rund um KI
bisher Treiber der Märkte waren.
Voraussichtlich macht die EU sich schadensersatzpflichtig, aber es bleibt
die Frage, ob eine Unterwerfung unter Batmans Diktat nicht wesentlich teurer
kommt. Ob man das dann wirklich umsetzt, ist noch eine andere Frage, aber
die glaubwürdige Drohung dürfte auf der anderen Seite des Atlantiks zu
tiefem Durchatmen führen. Ob Europa zu so einem Bluff fähig wäre, haben wir
zumindest bis zum Wochenende bezweifelt.
Ob Batman einen weiteren Tanz mit dem Iran eröffnet, kann momentan niemand
absehen. Seine Schiffe sind auf dem Weg, und wir würden darauf tippen, dass
da etwas kommt, da ein Erfolg seines Tanzes um Grönland fragwürdig ist.
Erfahrungsgemäß springt er dann auf ein anderes Parkett. Wir hoffen so oder
so auf möglichst geringe zivile Opfer.
Ein noch wichtigerer Tanz steht für Batman innenpolitisch auf der Karte. Ob
er das allerdings alles so mitbekommt beim abendlichen Cheeseburger vor dem
TV, entzieht sich unserer Kenntnis. Es mag sein, dass die Reporting-Linien
im Weißen Haus mittlerweile nahezu ebenso verbogen sind wie bei seinem
"Kumpel" im Kreml.
Jedenfalls haben sich die ersten Größen der Wall Street auf Batmans
Tanzkarte eingetragen. Jeremy Barnum (CFO von JP Morgan) erwägt eine Klage
der Bank gegen die US-Regierung wegen des verhängten Zinsstopps bei
Kreditkarten. Batman hat nicht lange gefackelt und der Bank eine Klage wegen
des Debankings seiner Person nach dem Sturm auf das Kapitol angedroht. JP
Morgans CEO Jamie Dimon dürfte faktisch eine der mächtigsten Personen in den
USA sein, und bisher hat Trump auf ihn gehört, wie im April 2025 bei der
Ankündigung der Zölle. Die Regierung hat sicher noch einige Pluspunkte im
Feuer. Hier wird es ebenfalls interessant.
Jerome Powell, der unabhängige Chef der US-Notenbank, ist Trumps
unbequemster Gegenspieler in der Finanzpolitik. Trump bittet auch hier zum
Tanz, indem er ihn öffentlich diffamiert und juristisch unter Druck setzen
lässt. Das Ziel ist: ein neuer Notenbankchef, der sich nicht weigert,
Wahlkampfpolitik mit Zinssenkungen zu finanzieren. Es bestehen aber
berechtigte Zweifel, selbst bei Republikanern, ob dieser Schuss nicht nach
hinten losgeht. Immerhin muss der Senat die Nominierung eines neuen
Kandidaten bestätigen. Aber nicht nur wegen Powells hoher Reputation: Er
gibt zwar den Vorsitz ab, bleibt aber bis 2028 im Gouverneursrat und kann
dort weiterhin eine gewichtige Position einnehmen.
Es brodelt reichlich in den USA - wegen der innenpolitischen Situation und
der Inflation sowie auch in der MAGA-Bewegung wegen der exterritorialen
Aktivitäten, die eigentlich nicht auf der Agenda waren. Sollte der Souverän
bei den Midterms im November noch unter "normalen" Bedingungen zur Urne
schreiten können und eher die Demokraten zum Tanz bitten, dürfte sich der
Spuk deutlich verringern. Allerdings bestehen Befürchtungen, dass die
derzeitige innenpolitische Eskalation eine ordnungsgemäße Wahl verhindern
soll. Wird nicht ordentlich gewählt, haben die USA den Schritt von der
Autokratie zu einer Diktatur endgültig vollzogen. Da die Bürger wohl zu 70 %
unzufrieden sind, dürfte so etwas aber nicht ohne Reaktion bleiben. Ob
Batman nun auf zu vielen Hochzeiten tanzt?
Den Europäern droht eben auch weiteres Ungemach, wenn sie nicht bald "aus
dem Quark" kommen. Denn die anhaltenden Spannungen mit den USA haben zu
einer Exportoffensive chinesischer Unternehmen in den Rest der Welt geführt,
und man hat sich auf zahlreichen Tanzkarten nach oben gearbeitet. Nach Daten
des chinesischen Zolls ist der Handelsüberschuss im vergangenen Jahr auf 1,2
Billionen Dollar und damit um 5,5 % gestiegen, nach Deutschland sogar um
10,5 %. Das Ganze bei rückläufigen Importen Chinas. China ist damit von
einer Werkbank zu einer Wirtschaftsmacht auf Augenhöhe geworden, die
technologisch nicht nur mithalten kann. Die Automobilindustrie war erst der
Anfang.
Europa wirft unter dem Druck der angeblichen öffentlichen Meinung bei der
Automobilindustrie einen Blick in die Steinzeit (die taz lästerte über UvdL
mit der Schlagzeile "Die Auspuffmutter"). Das Handelsblatt berichtet in der
Heiligabend-Ausgabe (danke dafür, genau mein Humor) über Shanghai in Teilen
als Vorbild für deutsche Städte: "Annähernd 70 Prozent der
Pkw-Neuzulassungen in Shanghai sind elektrisch betrieben." Ob die
neuerlichen Pläne zur Förderung des Erwerbs von E-Autos in Deutschland zur
Aufholjagd werden, bleibt abzuwarten. Es mangelt schlichtweg am Ausbau der
Infrastruktur.
Derweil befasst sich die Bundesregierung, wenn sie nicht von außen getrieben
wird, vermutlich mit sich selbst. Zwar hat Friedrich Merz Berichte über ein
Revirement des Kabinetts erst einmal dementiert, aber das Karussell hat ja
bereits Fahrt aufgenommen. So wurde bereits der Büroleiter im Kanzleramt
ausgewechselt, gegen den bisherigen Bundesgeschäftsführer der CDU,
Birkenmaier. Diesem folgt der bisherige Leiter Politik und Programm aus dem
Konrad-Adenauer-Haus nach. Aber vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg
und Rheinland-Pfalz im März wird aufgrund der Parteiräson erst einmal nichts
weiter passieren, obwohl das vielleicht sogar hilfreich sein könnte - nach
den Eskapaden von "Eurer Exzellenz" oder dem "Maskenmann".
Was hat das alles mit den KMU-Investments zu tun? Wir glauben weiterhin an
eine Rotation weg von den bisherigen Modebranchen, wo das
Chance-Risiko-Verhältnis u. E. nicht mehr angemessen ist, hin zu
mittelständischen Unternehmen, die sich nicht nur in Larmoyanz ergehen,
sondern in diesem wechselhaften Umfeld gut zurechtfinden. Eine Einigkeit
Europas und eine Revision weg von einem Bürokratiemonster wären hier aber
förderlich. In Anbetracht der Herausforderungen dürfte der
Finanzierungsbedarf dieser Unternehmen weiterhin gegeben sein. Die Branche
stellt sich darauf ein. So gab es zuletzt diverse Konsolidierungen von
Marktteilnehmern, die sich von der Tanzkarte auf dem Kapitalmarkt für
Mittelständler zurückgezogen haben. Aber ebenso sind nun neue Akteure auf
den Plan getreten, und auch unser Haus entwickelt seine Aktivitäten zum
Mittanzen konsequent, aber mit Augenmaß weiter. "If there is no competition,
there is probably no market."
Zu mwb:
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