(Neu: unklarer Zeitplan für Wiedereröffnung von Rafah in drittem und viertem Absatz)
TEL AVIV/GAZA/WASHINGTON (dpa-AFX) - Mit der Rückführung der letzten getöteten Geisel der islamistischen Hamas aus dem Gazastreifen nach Israel ist der Weg frei für die Wiedereröffnung eines wichtigen Grenzübergangs. Mit der Öffnung der Grenzstelle Rafah zwischen Ägypten und dem Küstengebiet wären die Voraussetzungen zum Eintritt in die zweite Phase des von den USA vorangetriebenen Friedensplans erfüllt.
Diese Phase sieht die Entwaffnung der Hamas vor. In Israel ist die Skepsis groß, dass dies friedlich geschehen kann. Die palästinensische Terrororganisation hat offiziell ihre Entwaffnung bisher abgelehnt. Sollte es keine Einigung geben, könnte der Krieg wieder ausbrechen.
Bislang kein genauer Zeitpunkt für Wiedereröffnung von Rafah
Unklar bleibt, wann Rafah offiziell eröffnet wird. Ein dpa-Mitarbeiter berichtete aus dem ägyptischen Al-Arisch, mit einer Wiedereröffnung werde am Sonntag gerechnet. Der arabische TV-Sender Al-Arabi Al-Dschadid nannte Mittwoch als vorläufigen Termin, um den Grenzübergang dann für eine spätere offizielle Inbetriebnahme vorzubereiten.
Laut der israelischen Tageszeitung "Jediot Achronot" könnte der Personenverkehr am Donnerstag starten - mit jeweils 100 bis 150 Ein- und Ausreisen pro Tag. Ägypten übermittelt für jeden Tag Namenslisten, die Israel prüft. Verläuft die Abfertigung problemlos, sollen die Kapazitäten steigen.
Trump äußert sich wohlwollend über Hamas
US-Präsident Donald Trump hielt der Hamas deren Unterstützung bei der Suche nach den sterblichen Überresten des von ihr entführten israelischen Polizisten Ran Gvili sehr zugute. "Sie haben sehr hart daran gearbeitet, die Leiche zurückzuholen. Sie haben dabei mit Israel zusammengearbeitet", sagte er der US-Nachrichtenseite "Axios". Israel werde im Gegenzug die Leichen von mindestens 15 Palästinensern übergeben, zitierte die "Times of Israel" eine informierte Quelle.
Israel stellte Bedingungen für die Öffnung von Rafah
Die Rückführung von Gvilis Leiche und die Öffnung des Grenzübergangs Rafah waren entscheidende Anforderungen für die erste Phase des von den USA ausgearbeiteten Friedensplans. "Die nächste Phase ist die Entwaffnung der Hamas und die Entmilitarisierung des Gazastreifens", zitierte die "Times of Israel" den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. "Die nächste Phase ist nicht der Wiederaufbau", betonte der Regierungschef im Parlament.
Israel und USA verlangen Entwaffnung der Hamas
Es liege im Interesse Israels, "diese Phase voranzutreiben und nicht zu verzögern", wurde Netanjahu weiter zitiert. "Es wird auf die leichte oder die harte Weise geschehen", sagte er offensichtlich in Bezug auf die schwierige Frage der Entwaffnung der Hamas. "Aber es wird geschehen." Auch US-Präsident Trump hob in dem Interview mit "Axios" hervor, dass die Hamas nun entwaffnet werden müsse - "wie sie es versprochen hat".
Zwei US-Beamte betonten dem Bericht zufolge ebenfalls, dass der Ball mit Blick auf die weitere Umsetzung des Gaza-Friedensplans nun bei der Hamas liege, die ihrer Entwaffnung zustimmen müsse: "Wir glauben, dass sie das tun werden." Die Hamas betonte derweil in einer Mitteilung ihre "Verpflichtung zur Einhaltung der Vereinbarungen". Zugleich forderte sie, dass Israel seine Verpflichtungen ohne Verzögerung erfüllen müsse, "insbesondere die Öffnung des Grenzübergangs Rafah in beide Richtungen ohne Einschränkungen".
Hamas fordert Hilfslieferungen und Truppenabzug
Noch ist aber unklar, ob Israel auch die Rückkehr geflüchteter Palästinenser ermöglichen wird, die in Ägypten festsitzen. Der seit fast einem Jahr geschlossene Grenzübergang Rafah gilt als wichtigstes Tor des Gazastreifens zur Welt. Israels Militär kontrolliert die Gaza-Seite des Übergangs. Ali Schaath, Vorsitzender der neuen Übergangsregierung für das in zwei Kriegsjahren weitgehend zerstörte Küstengebiet am Mittelmeer, hatte vergangenen Donnerstag die Öffnung des Grenzübergangs in beide Richtungen angekündigt.
Zudem müsse Israel für die Einfuhr erforderlicher Mengen an Hilfsgütern sorgen, seine Armee vollständig aus Gaza abziehen und die Arbeit der Übergangsregierung erleichtern, heißt es in der Hamas-Mitteilung. Diese Regierung besteht aus 14 palästinensischen Fachleuten, die keine Verbindung zur Hamas haben sollen. Sie waren kürzlich als Teil der von den USA bereits ausgerufenen zweiten Phase des Friedensplans bekanntgegeben worden.
Gremien sollen Übergangsphase in Gaza steuern
Zur Unterstützung dieser Regierung wurde ein Gremium namens "Gaza Executive Board" ins Leben gerufen. Diesem gehören unter anderem der US-Sondergesandte Steve Witkoff, der britische Ex-Premierminister Tony Blair, der türkische Außenminister Hakan Fidan und der ranghohe katarische Diplomat Ali Thawadi an. Die Aufnahme der Vertreter aus Katar und der Türkei ärgert Israels Regierung, denn beide Länder gelten als Unterstützer der Hamas. Medienberichten zufolge hatten sie die Hamas aber dazu gebracht, dem Gaza-Abkommen zuzustimmen.
Ein weiteres neues Gremium, das Exekutivkomitee, soll die Übergangsregierung beaufsichtigen und außerdem den geplanten Wiederaufbau Gazas steuern. All diese Gremien sind dem umstrittenen "Friedensrat" unterstellt, der sich aus führenden Politikern aus aller Welt zusammensetzen und von Trump geleitet werden wird. Er soll den Gaza-Friedensprozess überwachen. Er wird sich - anders als zunächst erwartet - aber auch um andere internationale Konflikte kümmern. Kritiker sehen ihn als nicht legitimierte Konkurrenz zu den Vereinten Nationen und weisen darauf hin, dass der "Friedensrat" komplett auf die Person Trump zugeschnitten ist./ln/DP/mis