MOSKAU (dpa-AFX) - Inmitten zunehmender Spannungen zwischen Moskau und Eriwan und kurz vor der Parlamentswahl in Armenien haben der Kremlchef und der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan miteinander telefoniert. Bei dem Gespräch hätten beide Seiten ein Treffen in Kürze vereinbart, teilte der Kreml mit. Dabei sollen dann bestehende Differenzen ausgeräumt werden. Diese gibt es trotz eines Glückwunsches von Putin an Paschinjan zu dessen Geburtstag vor allem wegen des armenischen Strebens in die EU.
Paschinjan lehnt ein von Moskau gefordertes Referendum, in dem die Armenier zwischen EU und Eurasischer Wirtschaftsunion wählen müssen, zum derzeitigen Zeitpunkt ab. Ein EU-Beitritt sei noch rein theoretischer Natur, Armenien werde daher vorläufig in der Eurasischen Wirtschaftsunion verbleiben, schrieb er in sozialen Netzwerken.
Putin hatte zuletzt gewarnt, dass Paschinjan nicht auf zwei Stühlen gleichzeitig sitzen könne und sich zwischen Ost und West entscheiden müsse.
Armeniens EU-Annäherung ist für Moskau ein Ärgernis
Hintergrund ist die Annäherung Armeniens an die EU mit dem langfristigen Ziel eines Beitritts. Das hat in den Moskauer Führungsetagen, wo Armenien als Teil des eigenen Wirtschafts- und Militärblocks (Eurasische Wirtschaftsunion und Organisation des Rats für kollektive Sicherheit) betrachtet wird, massiven Ärger erzeugt.
Zwar betonte Putin in seinem Glückwunschtelegramm an Paschinjan die traditionell freundschaftlichen Beziehungen beider Länder und das Interesse Moskaus an deren Weiterentwicklung. Zugleich aber hat der Kreml zuletzt mit Sanktionen und Drohungen den Druck auf die armenische Führung vor der anstehenden Parlamentswahl am 7. Juni massiv erhöht.
So haben russische Behörden die Einfuhr von Blumen und einer Reihe von Lebensmitteln untersagt. Quasi als "Geburtstagsgeschenk" hat die Landwirtschaftsaufsichtsbehörde nun auch den Import armenischen Fischs verboten.
Das russische Energieministerium hat derweil Armenien offen mit der Kündigung eines günstigen Gasliefervertrags gedroht. Zuletzt zog der Kreml sogar seinen Botschafter in Eriwan vorübergehend ab - "zu Konsultationen" in Moskau.
Die Drohungen aus Moskau gehen sogar noch weiter: Armenien gehe den Weg der Ukraine, warnte Putin unmissverständlich bei einem Gipfel in Astana in der vergangenen Woche. Gegen die benachbarte Ukraine führt Russland seit mehr als vier Jahren Krieg - auch der Konflikt wurde damals unter anderem dadurch ausgelöst, dass die Ukraine eine Annäherung an die EU anstrebte./bal/DP/he