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Kryptowährungen erobern CO2-Markt

| Quelle: DER AKTIONÄR | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Von Dieter Holger
The Wall Street Journal
Übersetzung: Stefanie Konrad

In den letzten Monaten wurden Millionen von Emissionszertifikaten zum Ausgleich von Treibhausgasemissionen an neu geschaffene Kryptowährungs-Token gebunden und aus dem Umlauf genommen. Einige Marktteilnehmer behaupten, die Technologie mache den ungeregelten freiwilligen Kohlenstoffmarkt transparenter. Dadurch könnten neue Projekte für den Klimaschutz geschaffen werden. Nicht jeder ist davon überzeugt.

Viele Unternehmen, die ihre Emissionen ausgleichen wollen, kaufen Zertifikate für den Abbau von Treibhausgasen. Diese Emissionszertifikate entsprechen jeweils einer Tonne Kohlendioxid. Sie stammen aus Projekten wie dem Pflanzen von Bäumen oder dem Aufbau von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien, deren Klimanutzen durch Dritte zertifiziert wurde. Sie werden auf informellen Märkten gehandelt und erzielen je nach Maßnahme zum Kohlenstoffabbau unterschiedliche Preise.

Einige Teilnehmer auf diesem schnell wachsenden Markt fordern mehr Transparenz und einheitliche Regeln. Sie behaupten, dass ein Sammelsurium von Standards und undurchsichtigen Preisen den Vergleich von Emissionszertifikaten und die Sicherstellung, dass die Projekte tatsächlich dem Klima zugutekommen, erschweren. Laut der Branchengruppe „Taskforce on Scaling Voluntary Carbon Markets“ könnten mehr Unternehmen ihre Klimaziele durch Emissionsausgleiche erreichen, wenn es einfacher wäre, die Zertifikate zu handeln und sie zu verfolgen, zum Beispiel durch die öffentliche Aufzeichnung von Transaktionen.

Toucan, ein dezentrales Finanzprojekt (DeFi), das im Oktober gestartet wurde, gab an, dass seine Technologie dabei helfen kann. Mit Toucan können Nutzer ihre Emissionszertifikate mit digitalen Token verknüpfen. Die sogenannten BCT-Token (Base Carbon Tonne) können dann an Kryptobörsen gehandelt werden. Dadurch würde das Projekt nicht grundlegend verändert werden. Toucan behauptet jedoch, dass es ein Forum für den Handel schaffen und die Transparenz verbessern werde, indem es Echtzeit-Preisdaten und eine öffentliche Aufzeichnung des Handels zur Verfügung stelle. Dadurch kann verfolgt werden, wer für die Finanzierung von klimafreundlichen Projekten belohnt wird.

Toucan, eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in der Schweiz, ist eine von mehreren Initiativen, die nicht alle Kryptotechnologie nutzen, aber deren Ziel es ist, den freiwilligen Kohlenstoffmarkt mit transparenteren Preisen und Eigentumsdaten zu überarbeiten. Bisher wurden mehr als 17 Millionen Emissionszertifikate an BCT-Token gebunden. BCT wurde vor kurzem bei etwa 5,50 Dollar gehandelt. Das bedeutet, dass diese Emissionszertifikate jetzt mit mehr als 90 Millionen Dollar an den Kryptobörsen bewertet werden.

Unternehmen, die sich für ihren CO2-Ausgleich rechtfertigen müssen, sind allerdings nicht die Hauptnutzer von Toucan. Seit BCT im Oktober online ging, wurde der Handel von Klima vorangetrieben, einem anderen Krypto-Asset, das am selben Tag wie Toucan gestartet wurde. Auf der Website von Toucan heißt es, dass die beiden Projekte unabhängig voneinander arbeiten, aber eine „freundliche und symbiotische Beziehung“ haben.

Klima wird von KlimaDAO betrieben, einer dezentralen, autonomen Organisation, die Krypto-Projekte kollektiv organisiert. Über KlimaDAO können BCT-Token zum Kauf von Klima-Token verwendet werden. Die BCT-Token werden in der sogenannten Schatzkammer, oder Treasury, von KlimaDAO aufbewahrt und somit aus dem Umlauf genommen, damit sie nicht zum Ausgleich von Kohlenstoffemissionen verwendet werden können. Klima-Token werden mittlerweile an Kryptobörsen gehandelt, sodass Händler auf ein kohlenstoffgestütztes Krypto-Asset spekulieren können.

Kryptowährungen haben aufgrund des Energieverbrauchs beim Bitcoin-Mining einen schlechten Ruf für die Umwelt.

Die Zertifikate in der Klima-Schatzkammer werden nicht immer dort bleiben. Auf der Website von KlimaDAO wird die Schatzkammer als „schwarzes Loch für Kohlenstoff“ beschrieben. Das Protokoll, das das Projekt regelt, verhindert nicht, dass die Zertifikate freigegeben werden, wenn der Preis von Klima den Preis von BCT unterschreitet. Bisher wurde Klima mit einem großen Aufschlag gegenüber BCT gehandelt.

Laut dem IT-Chef von Toucan, James Farrell, sind die Gründer von KlimaDAO zwar anonym, aber „ihre Aktionen sind völlig transparent“. Klima habe Millionen von Dollar in klimafreundliche Projekte investiert.

Mehr als 14 Millionen BCT-Token wurden zur Sicherung von Klima-Token verwendet, was den größten Teil der mehr als 17 Millionen BCT-Token ausmacht.

Die Krypto-Händler haben hauptsächlich eine bestimmte Art von Emissionszertifikaten gekauft: Emissionsausgleiche, die durch Projekte für erneuerbare Energien erzeugt und von Verra, einem Zertifikatsanbieter, zertifiziert wurden. Laut KlimaDAO sind etwa vier Prozent der Verra-zertifizierten Emissionszertifikate an BCT gebunden.

„Organisationen und Einzelpersonen, die diese Token kaufen und verkaufen, tragen dafür ihr eigenes Risiko“, sagte Robin Rix, Chief Policy and Markets Officer von Verra.

Laut KlimaDAO enthielten am Sonntag fast 62.000 Kryptowährungs-Wallets Klima-Token. Der Preis eines Token ist von mehr als 3.000 Dollar kurz vor dem Start von Klima auf etwa 155 Dollar gefallen, wie die Preisvergleichs-Website CoinGecko berichtet. Laut den Marktteilnehmern hat die steigende Zahl der im Umlauf befindlichen Klima-Token den Preis gedrückt, während Bitcoin und andere Kryptowährungen in den letzten Wochen ebenfalls gesunken sind.

Die Neuheit von Klima und des Software-Protokolls, das es regelt, macht es schwieriger, die finanzielle Leistung der Token für die ersten Käufer zu beurteilen. Personen, die BCT verwenden, um Klima zu kaufen, erhalten einen Preisnachlass an Kryptobörsen, wo sie möglicherweise mit Gewinn verkaufen können. Das Protokoll von Klima verteilt auch regelmäßig neue Token an Personen, die ihre bestehenden Token behalten.

Wall Street Journal

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