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Die Zocker

| Quelle: Hans A. Berneck... | Lesedauer etwa 3 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Vor einigen Monaten sorgte eine neue Marktpartei in New York für Aufregung. Die amerikanischen Kleinanleger, zusammengefasst unter dem Begriff Zocker, lancierten erstmals über das Internet gesteuerte Aktionen gegen andere Marktteilnehmer zum einen (Hedgefonds) und als eigene Investorengruppe für das eigene Portfolio zum anderen. Inzwischen gibt es mehrere Gruppierungen dieser Art mit unterschiedlichen Zielen.

Robinhood verkündete soeben den Börsengang als eigene Brokeraktie für junge Anleger. Der Unternehmenswert wird von JPMorgan und Goldman Sachs mit 40 Mrd. Dollar veranschlagt. Andere Schätzungen bewegen sich in den Größenordnungen von 30 Mrd. Dollar. Lt. Börsenprospekt stieg die Zahl der Kunden im letzten Jahr um 143 % und im ersten Quartal dieses Jahres von 12,5 auf 18 Mio., die fast 82 Mrd. Dollar über Robinhood anlegten. Lt. Aussage des Brokers zu über 90 % in Tech-Aktien. Und hier wiederum vor allem in bekannte Namen oder Sachbegriffe, jedenfalls in Unternehmen, die man gedanklich anfassen kann.

Standard & Poor‘s lieferte soeben die ergänzenden Daten. Danach floss im ersten Halbjahr über eine halbe Billion Dollar neues Kapital in den amerikanischen Aktienmarkt. Diese Zahl hat es noch nie gegeben und sie liegt so hoch, wie in den letzten 20 Jahren zusammen im jeweils ersten Halbjahr. Damit ist erkennbar, dass eine neue Marktpartei mitten in der Coronakrise entstanden ist, wie es vor gut 1 ½ Jahren niemand voraussah. Nach gleicher Quelle beruhte dieses Geld auf dem Konsumverzicht aller Amerikaner. Volkswirte hatten damit gerechnet, dass daraus ein großer Verbraucherschub entstehen würde. Nichts da, die Amis investieren dieses Geld in Aktien. Auch dies hat es noch nie gegeben. Dazu passt der Rahmen:

Gut 85 % aller amerikanischen Aktien liegen bei Pensionsfonds und anderen Vermögensverwaltern dieser Art, die ihre Positionen durchweg dauerhaft halten und nur geringfügig korrigieren. Der rechnerische Freefloat wird von S&P für alle Qualitätsaktien regelmäßig angegeben und pendelt um den Durchschnitt von etwa 85 %. Das bedeutet, dass der rechnerische Freefloat im S&P 500 (stellvertretend für alle anderen) nur bei etwa 12 bis 15 % angesiedelt ist. Was bleibt von diesem Freefloat für das tägliche Handelsgeschäft übrig? Gemessen an den Tagesumsätzen (bereinigt um Doppelzählungen) dürften es höchstens 2 bis 4 % sein. Dann bewegen wir uns in der Größenordnung von weniger als 1 Bio. Dollar vom Gesamtwert von über 36 Bio. Dollar. Warum das Ganze?

Die neue Marktpartei, nennen wir sie mal so, ist mit ihrer Beweglichkeit und Unberechenbarkeit künftig der wesentliche Faktor für die Einschätzung der Tendenz. Denn diese Kleinanleger operieren offenbar sehr viel schneller, konsequenter und damit wird die Berechenbarkeit für so manchen Sektor schwierig.

Es lohnt ein Blick auf Deutschland/Frankfurt. Das eingesparte Geld der Deutschen in der Coronakrise wird regelmäßig zwischen 170 und 190 Mrd. € geschätzt. Wie viel davon für den angenommenen Konsumschub bleibt, ist abzuwarten. Die Neigung zu Aktieninvestments hat jedenfalls zugenommen. Genauere Schätzungen gibt es nicht, aber glaubwürdige Annahmen. Sie liegen zwischen 60 bis 80 und vielleicht auch 100 Mrd. Euro. Der Anteil der jungen Anleger beträgt ebenfalls 30 bis 50 %, worüber DER SPIEGEL und andere bereits berichteten. Der Einfluss dieser Aktionäre auf den deutschen Markt ist deshalb nicht zu unterschätzen und sehr wahrscheinlich größer als derjenige aller anderen üblichen Marktteilnehmer wie Vermögensverwalter, Pensionsfonds etc. Ich wage die Voraussage:

Mit dem amerikanischen Vorbild und dem deutschen Abbild ist für die nächste Zeit mindestens damit zu rechnen, dass der Einfluss dieser Marktparteien größer ist als die angebliche Wirkung der Gelder aus den Bondkäufen der EZB. Es ist ein Lichtblick.

Ihr

Hans Bernecker

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Hans A. Bernecker

Hans A. Bernecker Hans A. Bernecker ist das Urgestein der dt. Börse. Seit grob sechs Jahrzehnten bietet der Nationalökonom Orientierung bei der Markteinschätzung und der Ableitung von Investmentchancen. Neben seinem Informationsdienst "Die Actien-Börse" stehen diverse Börsenbriefe aus seinem Redaktionsteam. Charakteristisch ist sein Mut, bei Bedarf gegen den Meinungsstrom zu schwimmen. Dabei kommt ihm nicht nur sein langjähriger Erfahrungsschatz zugute, sondern auch unzählige persönliche Kontakte, die ihm besonders intime Einblicke ermöglichen.

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