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Für den deutschen Wirtschaftsstandort existenziell: Sichere Energieversorgung zu vernünftigen Preisen

| Quelle: Robert Halver (... | Lesedauer etwa 5 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Für den deutschen Wirtschaftsstandort existenziell: Sichere Energieversorgung zu vernünftigen Preisen

Ohne Strom nix los: Längerfristig werden E-Mobilität, klimaneutrale Industrieproduktion, Digitalisierung und Wasserstoffgewinnung ein Mehrfaches des heutigen Stroms verbrauchen. Seine jederzeitige Verfügbarkeit zu günstigen Preisen wird zu einem immer entscheidenderen Wettbewerbsfaktor. Ist Deutschland auf diese Herausforderungen eingestellt?

Deutschland gehen die Energie-Alternativen aus

Vor diesem Hintergrund wagt die deutsche Politik ein großes Experiment. Gleichzeitig will sie aus Atom- und Kohlestrom heraus. Immerhin ist die Kohle für knapp 40 Prozent der deutschen Stromversorgung verantwortlich.

Aber wir haben ja noch die Alternative Gas. Mittlerweile wird jedoch auch dieser fossile Energieträger argwöhnisch betrachtet. Einige in der Ampelkoalition würden der Gaspipeline Nord Stream 2 am liebsten heute noch die Betriebserlaubnis verweigern. Abgesehen davon sind wir von Wladimir Putin abhängig. Dass diese Abhängigkeit real ist, hat Väterchen Frost zuletzt klar bewiesen.

Aber wir haben ja noch Windparks. In der Bevölkerung ist die Zustimmung zwar groß. Aber wehe, es kommt zum Schwur, wenn hohe Windräder ihre Runden vor der eigenen Haustür drehen sollen. Dann sind Bürgerbewegungen nicht weit. Interessanterweise hinkt ausgerechnet das von einem grünen Ministerpräsidenten geführte Baden-Württemberg in puncto Windkraft hinterher.

Selbst wenn es sich um Windräder auf hoher See handelt, wie kommt der Windstrom vom Norden in den Süden? Laut Bundesnetzagentur müssten dafür Starkstromtrassen über knapp 1.700 km quer durch Deutschland gebaut werden. Aber wer will denn Elektrosmog in seiner Nähe haben? Ohne Beteiligung der Bürger wird es nicht gehen und das dauert, dauert und dauert.

Solaranlagen auf möglichst vielen deutschen Dächern anzubringen, ist da im Vergleich eindeutig einfacher, zumal sie demnächst noch stärker staatlich begünstigt werden. Doch wer zahlt die Förderung? Da Steuererhöhungen laut Sondierungspapier der Ampelkoalitionäre nicht in Frage kommen, drohen noch höhere CO2-Abgaben. Und dabei sind wir jetzt schon Weltmeister bei den Stromkosten. Das wird vor allem der einkommensschwachen Bevölkerung zusetzen, die bereits unter der hohen Inflation leidet.

Unternehmen stöhnen ebenso. Da in unserer schönen neuen virtuellen Welt Stromkosten die neuen Arbeitskosten sind, wirken zu hohe Preise in Deutschland auf ihre Investitionsfreude wie trockengelegte Tümpel auf die Laune von Fröschen.

Am deutschen Umwelt-Wesen wird die Klima-Welt nicht genesen

Selbst wenn Deutschland in dieser Sekunde jede weitere CO2-Emission unterließe, wäre dem Weltklima nicht geholfen. Wir sind nur für weniger als zwei Prozent verantwortlich. Wenn man sich anschaut, wie viele Kohlemeiler allein nur in Indien und China geplant sind, macht sich unser Anti-CO2-Engagement nicht bemerkbar.

Überhaupt, die Industriewelt ist ein Haifischbecken. Wenn sich der deutsche Wirtschaftsstandort mit Klimaauflagen weiter verteuert, werden das andere Länder mit weniger Umweltengagement hemmungslos ausnutzen. Werden dann unsere Industrieanlagen und unsere Arbeitsplätze in andere Länder exportiert und pusten diese noch im Vergleich noch mehr Dreck in die Luft, verlieren beide, Deutschland und das Weltklima.

Auf rein ideologische Weise werden wir die Welt nicht zu ihrem Klima-Glück zwingen. Die auf Klimakonferenzen verabredeten Ziele zum verringerten Treibhausgas-Ausstoß werden leider in viel zu geringem Umfang umgesetzt.

Anders sieht es aus, wenn Deutschland der Welt pragmatisch beweist, dass man aus dem klimagerechten Umbau der Wirtschaft auch neuen Wohlstand generieren kann. Es gibt genügend deutsche Ingenieurskunst auch in Klimafragen und es gibt genügend deutsche Firmen, die bei Klimaschutz und alternativen Energien Spitze sind. Was sie brauchen, ist allerdings viel wirtschafts- und finanzpolitischen Dünger. Die überbordende Bürokratie bei Genehmigungsverfahren gehört auf den Müll. Sinnvoll wäre auch ein Staatsfonds, der sich dem Thema konsequent annimmt. Nicht zuletzt könnten sich daran die Bundesbürger auch anlagetechnisch beteiligen.

Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint

Unabhängig davon, was machen wir, wenn trotz millionenfacher Windräder und Solaranlagen der Wind nicht weht und insbesondere in der dunklen Jahreszeit die Sonne streikt? Noch fehlt es an passenden Speichermöglichkeiten. Wie sichern wir dann die Grundlast?

Und was ist erst z.B. an Heiligabend, wenn die deutschen Backöfen Hochleistungen erbringen müssen und die Stromzähler schneller laufen als Usain Bolt in seinen besten Zeiten? Kommt es dann zu einem Blackout, spielt Deutschland „Stille Nacht, heilige Nacht“ wie damals in Bethlehems Stall nach? Es ist dunkel und kalt.

Oder was wäre, wenn vor allem energieintensive Unternehmen der Chemie- und Stahlbranche mit Stromabschaltungen konfrontiert würden. Der immer noch geschätzte deutsche Wirtschaftsstandort würde sich bis auf die Knochen blamieren.

Eine ganz heiße Frage: Wieder mehr Atomstrom wagen?

Praktisch wird es aber zu all dem nicht kommen. Diese Schmach wird sich keine deutsche Regierung antun. Käme es hart auf hart, wird Strom aus Frankreich oder aus Tschechien, wohlgemerkt Atomstrom, importiert oder Kohlestrom aus Polen. Das merkt niemand, da der Strom aus der Steckdose kommt, stumm ist und keine Sprache spricht. Aber es wäre die pure Heuchelei:  Offiziell Klima-heilig tun, inoffiziell sich aber Klima-sündig verhalten.

Nicht nur in Frankreich, auch in Indien, China, Japan oder Großbritannien setzt man konsequent auf Atomstrom. Sie argumentieren, dass ansonsten Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Kosten und damit wirtschaftliche Stabilität nicht zu garantieren sei.

Zur Erreichung der Klimaziele öffnet sich auch der Weltklimarat wieder mehr für Atomstrom. Und die UNO lässt kurz vor dem Start der Klimakonferenz in Glasgow die Alarmglocken läuten: Die Staaten müssten ihre Bemühungen zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels versiebenfachen. Mit den aktuellen nationalen Klimaschutz-Plänen lasse sich der Treibhausgas-Ausstoß bis 2030 nur um 7,5 Prozent reduzieren. Um die Erderwärmung - wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart - auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen, sei jedoch eine Verringerung um 55 Prozent notwendig.

Keine Frage, AKWs sind nicht ohne Risiko. Aber wenn Deutschland die sichersten Atomkraftwerke der Welt hat, warum werden unsere dann als erste abgeschaltet? Und wären neue deutsche Anlagen nicht noch sicherer? Leider sind wir im Augenblick dabei, unser Know-How in der Atomtechnik aufzugeben.

Die deutsche Politik steht vor großen Herausforderungen, sogar vor einem Dilemma: Energiesicherheit zu vertretbaren Preisen zu gewährleisten, um den Wohlstand zu sichern und dennoch dem Klimaschutz zum Erfolg zu verhelfen. Zur Bewältigung der Energiekrise darf es keine ideologischen Denkverbote geben. Alle Argumente dafür und dagegen müssen auf den Tisch und auch Reizthemen müssen pragmatisch ausdiskutiert werden. Dafür ist die Ampel gewählt. Die Zeiten des Wahlpopulismus sind jetzt vorbei.

https://www.roberthalver.de/Spezial-384?channel_id=14&blog_id=574
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Robert Halver

Robert Halver Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG und berichtet in seinem wöchentlichen Newsletter mit klarer Sprache über die Entwicklungen an den Finanzmärkten. Mit speziellem Fokus auf Aktien erhalten Anleger eine fundierte Analyse der marktbewegenden Ereignisse und eine meinungsstarke Einschätzung der Börsensituation, immer auch vor dem Hintergrund der politischen Großwetterlage.

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