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Verschoben ist nicht aufgehoben

| Quelle: Hans A. Berneck... | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Die langerwartete Entscheidung der Fed in Sachen Bondkäufe oder auch Zinsen muss voraussichtlich verschoben werden. Die Diskussionen um die Inflation zum einen und der Stand der Corona-Pandemie zum anderen erschweren eine sorgfältige Einschätzung. Während die Coronakrise in ihrem Ablauf relativ sicher eingeordnet wird, entflammt die Diskussion um die Inflation. Die bekanntesten Ökonomen teilen sich in zwei Gruppen. Die einen vermuten eine deutlich längere Inflationstendenz in den Größenordnungen von 3,5 bis 4 % annualisiert gerechnet, also durchgängig und damit als Langfristtrend erkennbar. Die anderen bleiben bei der bisherigen kurzfristigen Besonderheit und einer starken Inflation, aber anschließend relativ schneller Normalisierung. Doch seit fast 200 Jahren gibt es theoretische und praktische Erkenntnisse nebst umfangreichen Beweisen, wie sich Inflationen aufbauen und halten.

Üblich ist die Angst, dass eine Inflation die Aktienanlage grundsätzlich beeinträchtigt oder nachhaltig stört. Greifen wir auf die letzten 70 Jahre zurück:

Ab 1952 (Korea-Krieg) stiegen die Renditen für T-Bonds von 2,5 % bis 1980 auf knapp 16 %. Also in 28 Jahren um Prozentpunkte, die man kaum nennen kann. Begleitet wurde dies von einer durchschnittlichen Inflation mit steigendem Trend von etwa 1,8 % bis knapp 9 % in der gleichen Zeit. Als besonders gravierend erwiesen sich dabei die Kosten des Vietnam-Krieges, der mit Kennedy begann und in die Eskalation bis zum Ende, nämlich 1975, führte. Besonders gut sichtbar in den TV-Berichten der letzten Flüchtlinge aus Saigon. Wer war in dieser Zeit der Verlierer?

Besonders Staatsanleihen, die in ihren Werten fielen, wie die Zinsen anstiegen, und von der Inflation getragen wurden. Bondbesitzer befanden sich damit in einer permanenten Entwertungsrally. Deshalb gibt es auch keinen Amerikaner als Privatperson, der in Anleihen investiert. Wer waren die Käufer von T-Bonds?

Alle Länder und Zentralbanken, die im Exportgeschäft Überschüsse erarbeiteten und diese T-Bonds als Währungsreserven stapelten. Das war vor allem die Deutsche Bundesbank und anschließend Japan. Der drittgrößte Käufer wurde anschließend China mit rd. 3,2 Bio. Dollar Währungsreserven, davon ca. 45 % Dollar-Bonds. Sie alle gehörten zu den größten Bondinvestoren und erzielten dabei durch geschickte Termingeschäfte zwecks Absicherung durchaus vertretbare Erträge über die kurzen Laufzeiten.

Der Gewinner war die Wirtschaft. Die erhebliche Dynamik aller Länder nach dem Zweiten Weltkrieg und das deutsche und japanische Wirtschaftswunder waren die wichtigsten Motoren. Alle anderen Europäer konnten sich mehr oder minder anhängen. Also war in dieser Zeit die Inflation permanent steigend, die Zinsen ebenfalls und trotzdem expandierten alle Volkswirtschaften der Welt in der bekannten Form.

Die Pandemie schuf eine ähnliche Ausganslage. Stillstand aller Wirtschaften rund um die Welt gab es noch nie. Die Wirkung ist so ähnlich wie ein Krieg. Das liest und hört man nicht gern, ist aber ökonomisch eine Tatsache. Die Aufholjagd hat damit Ähnlichkeiten mit der Erholung der Wirtschaft und der Gesellschaft wie nach einem Krieg. Deshalb ist zurzeit weder eine Inflationsangst noch eine Zinsangst als realistisches Risiko einzuordnen. Konkret:

Eine annualisierte Teuerung um 3 bis 3,5 % oder sogar 4 % ist so lange eine zusätzliche Stimulanz, wie sie alle Wirtschaftssubjekte (Verbraucher oder Unternehmer) animiert, aus der jeweiligen individuellen Krisenlage das Beste zu machen. Der Unternehmer über die Erzeugerpreise, der Verbraucher über veränderte Verbrauchsgewohnheiten, an die er vor 24 Monaten noch gar nicht gedacht hatte. Daraus entsteht leider auch die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale. Das ist der einzige Punkt in der laufenden Diskussion, der sorgfältig zu beachten sein wird. Allein darauf wird es jetzt ankommen. Eine frühzeitige Zurücknahme der Bondkäufe ist der sicherste Ansatz dafür, die Geldmenge zu begrenzen. Nur damit schafft man das Risikokapital aus dem Wege, indem gedrucktes Geld ohne Wert nicht mehr sinnvoll verwendet wird. Solange diese Gefahr nicht besteht, habe ich keine Bedenken, mit den genannten Daten für Inflation und Zins mit Blick auf Aktien umzugehen.

Ihr

Hans Bernecker

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Hans A. Bernecker

Hans A. Bernecker Hans A. Bernecker ist das Urgestein der dt. Börse. Seit grob sechs Jahrzehnten bietet der Nationalökonom Orientierung bei der Markteinschätzung und der Ableitung von Investmentchancen. Neben seinem Informationsdienst "Die Actien-Börse" stehen diverse Börsenbriefe aus seinem Redaktionsteam. Charakteristisch ist sein Mut, bei Bedarf gegen den Meinungsstrom zu schwimmen. Dabei kommt ihm nicht nur sein langjähriger Erfahrungsschatz zugute, sondern auch unzählige persönliche Kontakte, die ihm besonders intime Einblicke ermöglichen.

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