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Wetten, dass ...

| Quelle: Hans A. Berneck... | Lesedauer etwa 4 min. | Text vorlesen Stop Pause Fortsetzen

Über Inflation und Zinsen wird pausenlos diskutiert. Jeder hat seine Meinung, keiner wird recht haben, und nur einer wird es richtig sehen - das ist der Markt. Die Äußerungen der amerikanischen Fed-Mitglieder im dortigen Board sind dafür kennzeichnend. Der Chef persönlich wagte gestern vor dem Kongress keine vernünftige Formulierung. Heute Morgen hält eine Dame aus dem Fed-Board weniger hinter dem Berg und plädiert für ein Ausstieg aus den Bond-Kaufprogrammen Ende des Jahres. Die Kräfteverhältnisse im Board sind sehr differenziert und schwanken fast täglich. Warum?

Alle wissen, dass nach 12 Jahren, also im verflixten 13. Jahr, die Geldorgie zu Ende geht. Aber keiner traut sich eine vernünftige Analyse zu, welche Folgen dies hat. Wie schon gelegentlich formuliert: Keiner der gegenwärtigen Experten weiß aus seiner eigenen Berufstätigkeit, wie eine Inflation entsteht und wie sie abgedreht wird. Denn Zinsen am kurzen Ende kann man locker kontrollieren, am sogenannten langen Ende mit Sicherheit nie. Das zeigt die Vergangenheit eindeutig.

Die größte Erfahrung auf diesem Gebiet haben die Briten und Franzosen, die schon vor 200 Jahren darauf spekulierten, wie die jeweiligen Schatzwechsel oder Kronenanleihen zu bewerten sind. Heute würde man dazu Staatsanleihen sagen. Die Schwankungsbreite dieser Staatsanleihen lag je nach den Erwartungen im damaligen Markt, der ausschließlich von Privatkapital dominiert wurde, in der extremen Bandbreite zwischen rd. 35 % und 80 % für nominal 100 %. In diesen Kursen drückte sich jeweils aus, wie die Bonität des Schuldners, also des Königs, zu bewerten sei und was aus dieser Ecke zu erwarten ist.

Ein letzter Rest dieser Kultur sind die War Loans als ewige Anleihen, also untilgbar. Sie stammen aus dem Ersten Weltkrieg in England und werden heute noch täglich gehandelt. Der Kupon von 3,5 % ist die Richtlinie für den tatsächlichen Zinsertrag. Was mit diesem Kupon im Rückschluss auf den Wert von Staatsschulden diskutiert werden kann, ergibt die jeweilige Markterwartung. Es ist bis heute die sicherste Zinsspekulation für Großbritannien.

30-jährige Bonds sind die längsten, die in Europa oder in den USA gehandelt werden. Es gibt noch einige längere Laufzeiten, so eine 100-jährige Anleihe in Österreich. Sie funktioniert nach gleichem Muster. Wie?

An den längsten Laufzeiten lässt sich die Erwartung des Marktes am sichersten erkennen. Dann sind wir wieder beim Anfang: Dass die Zinsen steigen werden, ist unschwer vorauszusagen. Offen ist lediglich, ab wann. Dann beginnt die Wette mit der Diskontierung dieser Erwartung auf eine überschaubare Zukunft. Vermutlich im Rahmen von 3 bis 5 Jahren. Das ist eine Annahme, keine Sicherheit, aber:

Eine Zinsbaisse über 12 Jahre dreht sich nicht in Wochen, sondern dazu braucht es Jahre. Begonnen hatte sie mit dem Fall Lehman, um ein Zeichen zu setzen. Die Pandemie hat das Ganze noch einmal verschärft. Wer richtig oder falsch gehandelt hat, ist unwichtig, aber sicher ist: Die Rückkehr zur Normalität braucht Jahre. Dafür reicht kein Schalter, der umgedreht wird, oder eine andere Blitzentscheidung. Aber: Mit der Erkenntnis beginnt die Spekulation. Jeder, der längerfristige Investments tätigt, insbesondere das große Kapital der Pensionsfonds etc., muss ab heute diese Erwartung in seine Kalkulationen einbeziehen. Und zwar im Umfang und auf der Zeitachse. Daraus ergeben sich abgezinste Ergebnisse für das eingesetzte Kapital. Das aber gilt für alle - Bonds oder Aktien, Immobilien oder Gold etc. Und zwar für jedes Medium durchaus unterschiedlich. Das wäre die Rückkehr zur Normalisierung. Wer wird der voraussichtliche Gewinner?

Das Medium, das die höchste Dynamik verspricht, um das Risiko der Abwertung zu überwinden. Also Dynamik gegen Value.

Diese Einschätzung hat bereits begonnen. Für alle Indizes fehlt der Rückenwind des Gelddruckens. Also muss jeder für sich seinen Weg finden, aus dieser Konstellation einen Vorteil zu ziehen oder sich gegen die Risiken zu wappnen. Das ergibt ein sehr differenziertes Marktbild nach der schlichten Formel: In einem Index findet alles statt, es gibt Gewinner wie Verlierer, aber der Index selbst bewegt sich nur sehr mäßig.  

Ihr

Hans A. Bernecker

 

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Hans A. Bernecker

Hans A. Bernecker Hans A. Bernecker ist das Urgestein der dt. Börse. Seit grob sechs Jahrzehnten bietet der Nationalökonom Orientierung bei der Markteinschätzung und der Ableitung von Investmentchancen. Neben seinem Informationsdienst "Die Actien-Börse" stehen diverse Börsenbriefe aus seinem Redaktionsteam. Charakteristisch ist sein Mut, bei Bedarf gegen den Meinungsstrom zu schwimmen. Dabei kommt ihm nicht nur sein langjähriger Erfahrungsschatz zugute, sondern auch unzählige persönliche Kontakte, die ihm besonders intime Einblicke ermöglichen.

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